Keine Wonne kommt der des Grauens gleich.
Clive Barker, Moloch Angst
Kaum ein Mensch wünscht sich, gefoltert zu werden. Niemand will durch Psychoterror in den Wahnsinn getrieben werden. Keiner wünscht seinen Freunden, dass sie bestialisch ermordet werden. Und doch genießen etliche Horrorfans es, wenn fiktive Figuren körperlich oder geistig eine Tour de Force durchleben, die in ihrer blutigen Auslöschung gipfelt. Doch was macht Geschichten, die mit Ekel und Angst arbeiten, für viele so anziehend? Wodurch lässt sich die Faszination am Horror erklären?
Einer der ersten Psychologen, die sich mit der Frage auseinandersetzten, warum Menschen sich freiwillig in Angst und Schrecken versetzen lassen, war Dolf Zillmann. Dieser entwickelte das Konzept des Erregungstransfers. Bevor ich hier ausufernd erkläre, was es mit diesem Konzept auf sich hat, illustriere ich es lieber an einem Beispiel.
Fleißige, tapfere Jessica! Gibt es jemanden, dem angesicht dieses Happy Ends keine Freudentränen in die Augen steigen?
Vielleicht gibt es aber auch die ein oder andere sadistische Seele unter uns, die sich besser unterhalten gefühlt hätte, wenn die arme Jessica vorher etwas mehr hätte leiden müssen. Die es besser gefunden hätten, wenn sie auf einen mörderischen Kult gestoßen wäre, in ein Netz aus Intrigen vorgedrungen wäre und nur mit Mühe und Not den monströsen Killern einer uralten Geheimgesellschaft entkommen wäre, bevor sie ihr Wissen veröffentlichen kann.
Der Erregungstransfer: Negative Erregung intensiviert nachfolgende Freude
Und hier kommt das vom Psychologen Dolf Zillmann entwickelte Konzept des Erregungstransfers ins Spiel. Laut Zillmann führe eine spannende oder gruselige Szene zu einer körperlichen Erregung: Der Herzschlag geht schneller, die Pupillen weiten sich, mitunter kommt es zur Gänsehaut. Diese Erregung kann jedoch nicht schlagartig abgebaut werden. Sie wirkt auch dann noch eine Weile nach, nachdem die gruselige Szene vorbei ist. Wenn aber einem Erlebnis, das wir als zutiefst unangenehm empfinden, ein Happy End folgt, wird die initial rein physische Erregung vom Nervensystem „uminterpretiert“ und als angenehm empfunden.1Beschrieben wird dieser Erregungstransfer unter anderem bei Dolf Zillmann: Transfer of excitation in emotional behavior. In J. T. Cacioppo & R. E. Petty (Hrsg.), Social psychophysiology: A sourcebook. New York: 1983. S. 215–240. Ergänzende Ausführungen speziell zu angst- und spannungsverursachenden Medien bietet er in Dolf Zillmann. The psychology of suspense in dramatic exposition. In P. Vorderer, H. J. Wulff, & M. Friedrichsen (Hrsg.), Suspense: Conceptualizations, theoretical analyses, and empirical explorations. Mahwah, NJ: 1996: S. 199–231. Aufgrund der zuvor durch Angst hochgetriebenen Erregung empfinden wir ein nachfolgendes Happy End daher als befriedigender.
Kurz gesagt: Viele Menschen fühlen die Freude über ein Happy End intensiver, wenn die Figur in einer Horrorgeschichte zuvor so richtig schön leiden musste. Und die Vorstellung einer mehrtätigen Recherche löst bei den meisten Menschen keine so starke negative Erregung aus, dass sie erleichtert über Jessicas Happy End wären.
Zillmanns Theorie liefert einen ersten Anhaltspunkt, warum Menschen Horrorgeschichten mögen. Aber sie funktioniert nur für Horrorfilme und -Bücher mit folgendem Muster:
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- Die Hauptfigur erlebt ein positives Ende
- Wenn es einen Antagonisten gibt, erfährt dieser eine Niederlage oder Bestrafung.
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Sie lässt sich aber nicht auf sämtliche Horrorgeschichten und Horrorfans anwenden. Was ist beispielsweise mit jenen Horrorgeschichten, die mit einem schrecklichen Ausgang enden? In denen die Hauptfigur stirbt, wahnsinnig wird oder selbst dem Bösen verfällt. Auch solche Horrorgeschichten haben ihre Fans. Es mangelt ihnen aber an einem Happy End, das man aufgrund des Erregungstransfers als angenehmer empfindet.
Was Menschen am Horror mögen: 3 Typen, 3 Antworten
Hier kommt nun eine neuere Studie von Scrivner und Andersen ins Spiel. In dieser teilen die beiden Psychologen Horrorfans in 3 Gruppen ein – mit zum Teil sehr unterschiedlichen Gründen dafür, sich einem angsteinflößenden Grauen auszusetzen.2Die Einteilung in diese 3 Gruppen erfolgte auf Grundlage der Antworten auf 19 Fragen, die man 2 Versuchsgruppen präsentiert hatte. (bspw. „Ich liebe den Adrenalinstoß, den ich beim Anschauen von Horrorfilmen bekomme.“ oder „Die Auswirkungen von Horrorfilmen begleiten mich noch Monate oder sogar Jahre später.“ Vgl. Coltan Scrivner; Marc Malmdorf Andersen; Uffe Schjødt; Mathias Clasen: The Psychological Benefits of Scary Play in Three Types of Horror Fans. In: Journal of Media Psychology, 35(2), Göttingen: 2023. S. 90-92.
Horror-Fans nach Scrivner & Andersen | Kurzbeschreibung | Warum sie Horror mögen |
Adrenalin Junkies | Suchen gezielt Nervenkitzel und intensive Angstgefühle. | Horror liefert ihnen durch die Hormonausschüttung während und nach intensiven Szenen einen stimulierenden Kick. |
White Knucklers | Mögen Horror trotz ihrer Angst, solange ein Gefühl von Sicherheit oder Kontrolle bleibt. | Horror ermöglicht ihnen, sich Ängsten und Schrecken in einem kontrollierbaren Rahmen zu stellen. |
Dark Copers | Fühlen sich von Horror angezogen, weil er eigene Ängste oder düstere Gedanken widerspiegelt. | Horror hilft ihnen, reale eigene oder gesellschaftliche Ängste zu analysieren und regulieren. |
Dies ist natürlich nur ein Grobüberblick. die ausführlichere Darstellung erfolgt in den nächsten Absätzen.
Adrenalin Junkies: Schreckensmaximierung für den Hormonrausch
Bei den Adrenalin-Junkies ähnelt die Motivation, sich intensivem Horror auszusetzen, der Reaktion von Achterbahn-Fans. Wenn wir Horrorgeschichten erleben, wird unser Angstzentrum aktiviert. Adrenalin wird ausgeschüttet und wir sind angespannt und vollkommen wach. Ist die bedrohliche Situation vorbei, dann folgt die Ausschüttung des glücksspendenden Endorphins.
So grotesk das für einige klingen mag, hat Horror somit für einige Menschen eine entspannende Wirkung. Nicht unbedingt während der Geschichte selbst, aber zumindest nach dem Horrorerlebnis setzt ein Effekt der Entspannung ein. Für Adrenalin-Junkies steht die absolute Intensivierung der Angst im Vordergrund. Sie wollen möglichst großen Schrecken erleben, weil gerade dann die als positiv empfundene Hormonausschüttung nachfolgt.
White Knuckler: Horror als kontrollierbare Grenzerfahrung

Die sogenannten White Knuckler empfinden das Horrorerlebnis als unangenehm, wenn es eine bestimmte Intensität erreicht. Doch Horrorgeschichten bieten ihnen in ihrem größtenteils friedlichen Alltag eine sichere Methode, die Grenzen ihrer Angst auszutesten: Man erfährt, inwieweit man den Ekel aushalten kann, der mit besonders drastischen Folterszenen verbunden ist. Man kann sich mit der Angst auseinandersetzen, die entsteht, wenn man von einem wilden Tier oder einem Mörder verfolgt wird. Und das alles, ohne dass man sich selbst in Gefahr bringen muss. Und wird es zu unangenehm, dann kann man einfach das Buch zuklappen oder den Film unterbrechen.
Wer beim nächsten DVD-Abend miterleben muss, wie jemand den Film mittendrin plötzlich stoppt, während die anderen sich darüber beschweren, dass sie aus der Stimmung gerissen werden, weiß nun, dass er einem Streit zwischen Adrenalin-Junkies und White Knucklern beiwohnt.
Wenn wir das Ganze auf die Literatur übertragen, dann würde der Adrenalin Junkie vorm Lesen alle Lichter abdunkeln und tagsüber die Jalousien runterziehen, um das Gruselerlebnis zu intensivieren. Und sich dann weit, weit weg vom Lichtschalter setzen, damit er gar nicht erst in Versuchung kommt, die bedrohliche Atmosphäre zu zerstören. Der White Knuckler würde den Raum vielleicht auch abdunkeln, aber wenn es dann spannend wird, wäre seine Hand nur wenige Zentimeter vom Lichtschalter entfernt.
Dark Copers: Faszination am Horror als Spiegel eigener existenzieller Ängste
Und als letzte Gruppe der Horrorfans identifizieren Scrivner und Andersen die sogenannten Dark Copers. Diese schätzen vor allem Horrorgeschichten, die existentielle Probleme aufgreifen oder einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenssituation haben. Für sie ist Horror ein Ventil, um Probleme und Ängste zu verarbeiten. Sie interessieren sich beispielsweise für moderne Zombie- oder Endzeitfilme, in denen sich die gesellschaftliche Angst vor Seuchen widerspiegelt. Wer aus einer missbräuchlichen Familie stammt, greift beispielsweise zu Stephen Kings „Carrie“ und erkennt in der von ihrer Mutter tyrannisierten Carrie sich selbst wieder. Der von Versagensängsten geplagte Schriftsteller findet hingegen in „Shining“ Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben. Dark Copers genießen Horrorgeschichten, die Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt erlauben, um in der Auseinandersetzung mit Horrorgeschichten ihre negativen Erfahrungen verarbeiten zu können.
Dopamin: Das Glückshormon im Horrorrausch

Das Belohnungssystem unseres Gehirns wird maßgeblich durch den Botenstoff Dopamin beeinflusst. Und wenn wir eine zunächst beängstigende Situation später als harmlos bewerten, kann dies dazu führen, dass unser Hirn verstärkt das Glückshormon Dopamin freisetzt. Horrorfilme zielen genau auf diesen Effekt ab: Das, was ursprünglich bedrohlich wirkt, wird als Fiktion erkannt und plötzlich als spannend oder sogar angenehm empfunden. Der Ausstoß von Dopamin trägt dazu bei, diese Erfahrung positiv zu verankern, die Erinnerung daran zu stärken und die Lust zu erhöhen, solche Situationen erneut zu erleben. Das ist ein zentraler Grund dafür, warum einige Menschen sich gerne gruseln.
Allerdings ist es oft schwer, den Sweet Spot zu treffen, denn ein Spannungswachstum heißt nicht, dass Angst und Spaß im gleichen Maße mitwachsen. Die Angst wächst für gewöhnlich mit, aber der Spaß braucht eine genaue Passung: Bei zu wenig Spannung wird der Horrorfilm als langweilig empfunden, steigt die Spannung oder der Ekel ins Unermessliche, dann hört der Spaß auf und der Film wird als unangenehm empfunden. Forscher wie Coltan Scrivner und Mathias Clasen haben in ihren Arbeiten zudem darauf hingewiesen, dass unterschiedliche Menschen Horrorfilme emotional auch unterschiedlich verarbeiten (siehe Adrenalin Junkies, White Knucklers und Dark Copers), was dann zu unterschiedlichen persönlichen Grenzen führt.
Und die unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie schockierend und intensiv guter Horror sein sollte, führt mitunter auch zu erbitterten Diskussionen darüber, was denn eigentlich echter Horror sei und was nur langweilige Zeitverschwendung.
Horror als ästhetisch kontrollierte Grenzerfahrung
Auch in der Medien- und Kulturwissenschaft erklärt man sich die Beliebtheit von Horrorproduktionen dadurch, dass Horrorbücher und -Filme eine kontrollierbare Grenzerfahrung böten, in der man sich gefahrlos mit den eigenen Ängsten auseinandersetzen kann: Rezipienten erleben intensive Gefühle wie Furcht, Spannung oder Unbehagen, wissen aber zugleich, dass keine reale Bedrohung besteht. Das deckt sich teilweise mit den Theorien zu den White Knucklers, die Horror nur im Rahmen für sie angenehmer Grenzen genießen.
In seiner Analyse der sogenannten „Angstlust“ – dem Buch „Horror: Die Lust am Grauen“ – vergleicht Kunstwissenschaftler Hans D. Baumann dies mit der Freude am Geisterbahnfahren:
Die Fiktionen des Horrors und der Geisterbahn können in ihrer Ungefährlichkeit genossen werden, obwohl die Konfrontation mit dem Dargestellten in der Realität mit großer Wahrscheinlichkeit vermieden würde.3Hans D. Baumann: Horror. Die Lust am Grauen. Weinheim; Basel: 1989. S. 35.
Wesentlich für das Horrorgenre sei vor allem das Erzeugen eines mittelbaren Grauens, das eine sichere Distanz zum Beobachteten ermöglicht.4Vgl. Hans D. Baumann: Horror. Die Lust am Grauen. 1989. S. 32-37 oder S. 226-234. Horror wird auf diese Weise zu einer ästhetischen Erfahrung, die Angst, Lust und Bedeutung miteinander verknüpft. Anders als der Erregungstransfer wäre diese Theorie auch auf Horrorpublikationen ohne Happy End anwendbar.

Zu guter Letzt: Gemeinsames Fürchten ist bindungsfördernd
Und um den Klischee des verschrobenen, vereinsamten Horror-Nerds entgegenzuwirken: Gemeinsam im Kino vor Angst zu zittern oder bei Kerzenlicht einer Gruselgeschichte lauschen sorgt für eine gemeinsam erlebte Angstlust. Und wenn mehrere Leute zusammen schreien und danach zusammen lachen, werden Hormone werden ausgeschüttet und Bindungen gestärkt.
Scrivner und Andersen haben in ihren Studien sogar empirisch nachgewiesen, dass geteilter Schrecken als soziales Signal wirkt: Wer die Angst mit anderen teilt, zeigt Loyalität, wodurch die Gemeinschaftsgefühle gestärkt werden.
Also wer Freundschaften und Beziehungen intensivieren will, der lädt am besten gleich ein paar Leute zum gemeinsamen Horrorabend ein!
Warum mögen Menschen Horror? Eine abschließende Zusammenfassung
Dass die Frage, warum jemand Horror mag, so unterschiedlich beantwortet wird, hängt damit zusammen, dass unterschiedliche Personen auch vollkommen verschiedene Aspekte des Grauens mögen. Je nach Persönlichkeit des Rezipienten, der jeweiligen Situation und Art der Geschichte greifen dann andere psychologische Mechanismen. Dennoch lassen sich die hier genannten Erklärungen der Psychologie und Kulturwissenschaft auf zahlreiche Fälle anwenden. Hier die wesentlichen Kernpunkte noch einmal zusammengefasst:
Theorien, warum Menschen Horrorgeschichten mögen | Erklärung |
Erregungstransfer (Dolf Zillmann) | Angst erzeugt körperliche Erregung, die nicht sofort verschwindet. Folgt dann Erleichterung oder ein Happy End, wird diese Erregung als Lust oder Befriedigung umgedeutet. Je mehr Leid die Protagonisten vor dem Happy End erfahren, desto größer oft die Erleichterung. |
Dopaminkick & Aktivierung des Belohnungssystems | Horror provoziert eine Stressreaktion, was zur Anspannung und zum Adrenalinausstoß führt. Löst sich die Bedrohung auf, kann das Belohnungssystem Dopamin freisetzen. |
Horror als Mittel der Reflektion eigener oder gesellschaftlicher Ängste | Einige Menschen sind von Horrorpublikationen fasziniert, weil sie die gedankliche Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten oder denen ihres sozialen Umfeld ermöglichen. |
Horror als kontrollierte Grenzerfahrung | Horror erlaubt intensive Emotionen ohne echte Gefahr. Man erlebt Angst, Ekel und Spannung in einem ästhetisch gestalteten, sicherem Rahmen. Antti Revonsuos spricht in diesem Zusammenhang von einer mentalen Übungswelt: Das Gehirn trainiert Reaktionen auf Gefahrensituationen ohne echtes Risiko. |
Horror als soziales Bindemittel | Gemeinsam erlebter Schrecken verbindet. Man öffnet sich emotional vor anderen, durchleidet Ängste und kann danach gemeinsam über sich selbst und die Situation lachen. |
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt an Erklärungsmustern, aber er erklärt bereits die Vielfalt an Vorlieben: Wer Horror als gemeinsames Erlebnis schätzt und ein erleichterndes Happy End braucht, wird vermutlich häufiger zu Horrorkomödien oder Slashern mit positivem Ausgang greifen, die man bei einem gemeinsamen Filmabend schaut. Wer hingegen die eigenen Mobbingerfahrungen in künstlerisch aufbereiteter Form verarbeiten will, der liest vermutlich eher die Außenseiter-Geschichten einer Shirley Jackson oder eines Stephen Kings. Und wem es vor allem um pures Adrenalin geht, für den sind nur die härtesten Slasher gut genug!
Die unterschiedlichen Theorien widersprechen sich also nicht, sondern ergänzen sich. Und sie sind nicht universell für alle gültig. Welche auf Dich zutrifft, hängt einzig und allein von Deinen persönlichen Vorlieben ab.
PS: Da die meisten Studien mir zu eng nur auf Horrorfilme fokussiert waren, habe ich 2024 eine eigene Umfrage zum Thema „Faszination Horror“ gestartet, die sich gleichermaßen an Filmfreunde wie auch Buchleser richtete. Die Ergebnisse dieser Umfrage findest Du auf der nächsten Seite.
Fortsetzung auf der nächsten Seite …

















