Undine: Vom Wassergeist zum Weibe

Undine in tosendem Wasser, gezeichnet von Arthur Rackham

Menschenähnliche Wasserkreaturen sind seit der Antike Motiv zahlreicher Erzählungen. Sie tauchen dort in verschiedensten Gestalten und unter unterschiedlichsten Namen auf: Meerjungfrauen, Nymphen, Nixen, Sirenen und Melusinen. Zwei Dinge sind den meisten dieser Wesen allerdings gemeinsam: Sie sind weiblich und von außerordentlicher Schönheit. Auch auf den Flussgeist Undine aus dem gleichnamigen Kunstmärchen trifft beides zu. In dieser Geschichte von Friedrich de la Motte Fouqué entwickelt sich Undine von einer impulsiv-forschen und erotischen Kindfrau zu einer sanftmütigen Ehegattin.

Der Verdacht, dass solche Geschichten über verführerische Nixen und Meerjungfrauen typisch männliche Fantasien widerspiegeln, liegt nicht fern. Die ebenso hübsche wie mysteriöse Wasserfrau wird dabei zum Symbol für das schöne, aber vielen Männern oft fremd und unberechenbar erscheinende weibliche Geschlecht. In einigen Geschichten wird die außerordentliche Liebesfähigkeit und Sehnsucht solcher Wasserkreaturen betont, andere erzählen von ihren todbringenden Verführungskünsten (So wurden die in den antiken Sagen geflügelten Sirenen, die Seefahrer mit ihren betörenden Gesang anlockten, um sie zu töten, seit dem Mittelalter statt mit Flügeln immer häufiger mit einem Fischschwanz dargestellt).

Odysseus und die Sirenen, gezeichnet von Herbert James Draper
Das Bild Ulysses and the Sirens von Herbert James Draper ist etwas zur selben Zeit wie die Geschichte Undine entstanden. Auch hier werden die Sirenen nicht mehr – wie in der Antike üblich – als geflügelte Frauen dargestellt, sondern als erotische Wasserwesen.

Fouqués Undine ist insofern eine interessante Figur, dass sie beide Aspekte verkörpert: sowohl die verführerisch-unberechenbare Nixe als auch die wahrhaft liebende Wasserfrau. Sie macht im Verlaufe der Geschichte eine Entwicklung durch und wandelt sich vom wankelmütigen-selbstbezogenen Wassergeist zur bedingungslos liebenden Ehefrau.

Doch hat Fouqués mit seiner Geschichte somit nur einen typischen Männertraum in Worte gegossen? Ist Undine lediglich die Geschichte von einer impulsiven, sexy Wasserfrau, die sich in der Ehe dann als braves Liebchen dem Mann unterordnet? Fouqué greift in seiner Geschichte sowohl die mittelalterlichen Theorien zu Wassergeistern auf als auch die zu seiner Zeit üblichen Erwartungen an eine gute Ehefrau. Ob dies vollkommen kritiklos geschieht, enthüllt ein genauerer Blick auf die Geschichte.

Friedrich de la Motte Fouqués Undine: Eine Zusammenfassung der Geschichte

Im Folgenden gebe ich eine kurze Zusammenfassung der Geschichte. Für Freunde des gesprochenen Wortes, die ausreichend Zeit mitbringen, habe ich unten außerdem eine Hörbuchversion von Undine eingebettet. Wer das Kunstmärchen noch gut in Erinnerung hat, kann diesen Abschnitt hier problemlos überspringen.

Die titelgebende Undine lebt in Fouqués Geschichte als Pflegetochter eines Fischerpaares auf einer Halbinsel. Da der Weg zur nächstgelegenen Stadt durch einen finsteren Wald führt, in dem Geister spuken sollen, haben die Fischer wenig Kontakt mit anderen Menschen. Denn kaum ein Städter wagt die Reise durch diesen mysteriösen Spukwald.

Eines Abends erreicht jedoch der Ritter Huldbrand von Ringstetten die Fischerhütte. Er bittet das Ehepaar, bei ihnen rasten zu dürfen. Als er im Haus die attraktive Undine erblickt, ist er sofort von ihr angetan. Aber auch Undine ist vom Ritter fasziniert. Und sie macht ihm das ohne Scheu und sehr direkt deutlich. Huldbrand erfährt vom Fischer, dass seine leibliche Tochter in einem See ertrunken sei. Doch am selben Abend sei dann Undine bei ihnen aufgetaucht und seitdem kümmern er und seine Frau sich um das Kind.

Ein plötzlicher Regensturm verwandelt den nahegelegenen Bach in einen reißenden Strom, sodass der Rückweg für Huldbrand abgeschnitten ist. Er bleibt daher bei der Fischerfamilie, und zwischen ihm und Undine bahnt sich eine romantische Beziehung an. Als sich eines Tages ein Priester in die Nähe der Hütte verirrt, nutzen die beiden die Gunst der Stunde: Sie lassen sich trauen. Die leidenschaftliche, aber oft rücksichtslose Kindfrau Undine entwickelt sich daraufhin zu einer sanften Ehefrau. Sie gesteht Huldbrand, dass sie ursprünglich eine seelenlose Meerjungfrau war und ihr leiblicher Vater sie an Land geschickt hat, damit sie eine unsterbliche Seele erlange. Huldbrand schreckt dieses Geständnis nicht ab: Er bleibt bei seiner Undine. Ein mit Undine verwandter Wassergeist namens Kühleborn lässt daraufhin den Fluss wieder abschwellen. Huldbrand greift diese Gelegenheit beim Schopfe und reist mit seiner jungen Gattin in die Stadt.

Dort begegnet Undine der früheren Geliebten Huldbrands: Bertalda. Der Ritter hat diese – um es ganz direkt zu sagen – für Undine sitzengelassen. Undine freundet sich mit Bertalda an und erfährt von anderen Wassergeistern, dass Bertalda die vermisste Tochter des Fischerehepaares sei. Entgegen aller Erwartungen hätte die Tochter den Sturz in die Fluten überlebt und sei am Seeufer von reichen Städtern gefunden und von diesen als eigenes Kind großgezogen worden. Damit Bertalda ihre leiblichen Eltern kennenlernen kann, erzählt Undine Bertalda diese Geschichte. Aber Bertalda ist vom Gedanken, Tochter ärmlicher Fischer zu sein, geradezu angewidert und reagiert auf Undine mit Arroganz und Kälte. Ihre Pflegeeltern sind von diesem Verhalten derart entsetzt, dass sie Bertalda verstoßen.

Aus Mitleid bieten Huldbrand und Undine der Verstoßenen an, mit ihnen nach Burg Ringstetten zu reisen. Diese Gutherzigkeit Undines zahlt sich aber nicht aus: Die erotische Kindfrau hat damals seine Aufmerksamkeit erregt, doch an der nun angepassten Ehefrau verliert der Ritter sein Interesse. Er beginnt, sich mehr und mehr seiner früheren Geliebten Bertalda anzunähern. Die gutherzige Undine tut indes alles, um Bertalda das Leben zu erleichtern. Als Undines geisterhafter Onkel Kühleborn die Burg heimsucht, erschreckt sich Bertalda beinahe zu Tode. Die gute Undine lässt daraufhin den Brunnen versperren, durch den der Wassergeist in die Burg gelangt ist. Unser wankelmütiger Ritter ist von dieser großherzigen Tat so beeindruckt, dass er sich erneut von Bertalda abwendet und sich wieder daran erinnert, dass er ja eigentlich mit Undine verheiratet ist!

Die abermals abgewiesene Bertalda hat nun genug von Huldbrand und verlässt die Burg. Unser hormongetriebener Ritter ist allerdings nicht damit einverstanden, dass seine Ersatzgeliebte einfach verschwindet. Schnell reitet er ihr in den Wald hinterher. Dort sind sie allerdings nicht länger sicher vor dem Wasssergeist Kühleborn, der wütend versucht, die beiden undankbaren und untreuen Turteltäubchen durch eine Überflutung zu ertränken. Undine kann die beiden retten, doch Kühleborn sucht Huldbrand und Bertalda weiterhin heim, sobald sie die Burg verlassen. Huldbrand gibt Undine die Schuld an dieser Misere und beschimpft sie aufs Übelste. Undine muss daraufhin schwer enttäuscht in die Wasserwelt zurückzukehren. Das macht Huldbrand zugegebenermaßen für kurze Zeit etwas traurig. Aber letztlich ist damit für ihn endlich der Weg frei, doch noch seine Bertalda zu heiraten, nachdem Undine sich in ein aufopferndes, aber langweiliges Liebchen verwandelt hat.

Die Gesetze der Wasserwelt, denen Undine jetzt wieder unterliegt, verlangen für diese Art der Untreue jedoch den Tod. In ihrer Hochzeitsnacht bittet Bertalda, dass man ihr Wasser aus dem versperrten Brunnen bringe, damit sie es als Schönheitswasser nutzen könne. Dies öffnet dem Wassergeist Undine den Zugang zur Burg. Sie sucht direkt Huldbrand auf, der den reizvollen Wassergeist sofort in die Arme schließt und küsst. Doch der Kuss des magischen Geschöpfs bringt nun den Tod. Huldbrand sinkt sterbend in Undines Arme …

Zwei weibliche Wassergeister mit verschlungenen Fischschwänzen

Entstehungshintergründe zu Undine

Der Schriftsteller Friedrich de la Motte Fouqué veröffentlichte seine Geschichte Undine im Jahr 1811. Die Märchen- und Sagenfigur Undine ist jedoch keineswegs seine Erfindung. Vielmehr taucht die Gestalt der Undine bereits im frühen 14. Jahrhundert in mehreren Erzählungen auf. Undine ist dort ein weiblicher, im Wasser heimischer Elementargeist. Das spiegelt sich auch in ihrem Namen wider, denn sowohl das althochdeutsche „undia“ als auch das lateinische „unda“ bedeuten „Welle“.

5. Illustration von Arthur Rackham zu Fouqués
Undine ist in Fouqués Geschichte erst 18 Jahre alt. Ihr launenhaftes und ungestümes Wesen lässt sich zwar auf ihre Herkunft als Wassergeist zurückführen, aber ebenso auf ihre Jugend.

In seinem Kunstmärchen verarbeitet Fouqué mittelalterlichen Theorien und Sagen, aber auch das zeitgenössische Frauenbild des 19. Jahrhundert. Einige der zugrundeliegenden Theorien dürften heutigen Lesern sicher grotesk, bestenfalls amüsant erscheinen. Doch das beziehungszerstörende Verhalten, das Huldbrand und Bertalda an den Tag legen, ist leider alles andere als veraltet.

Wohlhabende Männer, die jugendlichen Kindfrauen hinterherjagen, sich in der Beziehung dann aber langweilen, sobald letztere sich gereifter zeigen, und sich daraufhin wieder nach anderen Frauen umschauen, gibt es auch in der Gegenwart.

Und auf der anderen Seite gibt es auch heute noch Frauen wie Bertalda, die den Wert eines Menschen vor allem an dessen Besitz messen und die missgünstig über weibliche Konkurrentinnen lästern, statt die Gründe für ihre gescheiterte Beziehung im eigenen Fehlverhalten oder im Fehlverhalten des Mannes zu suchen. Schuld ist halt die neue Frau, keinesfalls aber man selbst oder der Angebetete.

In dieser Hinsicht ist Fouqués Erzählung trotz ihres Alters überraschend aktuell. Und sie illustriert die Tendenz vieler Menschen, sich vor allem um jene Personen zu bemühen, die man als „Herausforderung“ begreift, und weniger um die, deren Liebe oder Freundschaft man bedingungslos erhält.

 

Mittelalterliche Theorien zu Elementargeistern: Durch Sex mit dem Mann zur eigenen Seele

Elementargeister waren ursprünglich nichts anderes als Personifizierungen der verschiedenen Naturgewalten: Man erzählte sich von Berggeistern, Gnomen, Sylphen, Irrlichtern und eben von Nixen und Nymphen. Da Erdrutsche, Feuersbrünste und Regenstürme den Menschen das Leben erschwerten, ordnete man die meisten dieser Kreaturen im frühen Mittelalter den Teufeln und Dämonen zu. In den folgenden Jahrhunderten versuchten viele Theologen, sie in die christliche Dämonentheorie zu integrieren.1Infos zu den Merkmalen und zum Auftreten von Elementargeistern findet man u.a. bei: Kurt Ranke: „Enzyklopädie des Märchens. Band 3“. Berlin, New York: 1981; Stichwort „Elementargeister“; S. 1320 f.

Der Alchimist, Arzt und Naturphilosoph Theophrastus Bombast von Hohenheim (bekannt wurde er unter dem Namen Paracelsus) entwickelte im 16. Jahrhundert jedoch eine andere Theorie. Laut ihm waren Elementargeister keine Teufel oder gefallenen Engel, sondern von Gott geschaffene übernatürliche Wesen, deren Aufgabe der Schutz der Natur war. Trotz dieser gottgewollten Aufgabe würden sie jedoch keine Seele besitzen. Und ihre Gefühlswelt entspräche den Merkmalen ihres jeweiligen Elements.

John Williams Waterhouses Gemälde einer Meerjungfrau

Dass Fouqué diese Theorie aufgegriffen hat, ist unstrittig: Der Schriftsteller selbst hatte Paracelsus als Inspirationsquelle genannt. Und so ist seine junge Undine ähnlich wechselhaft wie das Element Wasser: Mal erscheint sie sanft und friedlich wie ein einladender Badesee, mal neigt sie zu ungezügelter Zerstörungslust gleich einem mitleidslosen Unwetter.

Eine Seele gewönnen die weiblichen Nymphen durch die körperliche Vereinigung mit einem Mann. Also nicht allein durch die Ehe, sondern erst infolge der sexuellen Vereinigung.2Vgl. Theophrastos Paracelsus: „Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmaeis et Salamandris et de Caeteris spiritibus“. Hrsg. v. Robert Blaser. Darmstadt: 1976. S. 132–133. Diese Vorstellung beschränkte sich im Mittelalter allerdings nicht nur auf Elementargeister. Einige Menschen glaubten sogar, dass dies für Frauen im Allgemeinen gälte und sie erst durch den Sex mit dem Mann eine Seele erhielten.

Aber zurück zu den Elementargeistern: Laut Paracelsus Theorie würden sich die Wassergeister, sobald ihre menschliche Seele erwacht sei, von der Natur entfremden und könnten sie nicht mehr so problemlos kontrollieren wie zuvor. Dies hätten sie mit dem Menschen gemeinsam, der ihnen ihre Seele verliehen hat. Denn auch der Mensch sei der Natur entfremdet.

Anmerkung: Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die oben geschilderten Theorien zu Elementargeistern prägten keineswegs den Volksglauben. Es handelte sich vielmehr um Annahmen, die von Geistlichen, Philosophen und dem späteren Bildungsbürgertum diskutiert wurden. Und so findet man Elementargeister auch vergleichsweise selten in den überwiegend mündlich überlieferten Volksmärchen. Es waren vielmehr die Schriftsteller der Romantik – wie eben Fouqué – die in ihren Kunstmärchen die Theorien über Elementargeister verarbeiteten.

Das Frauenbild der Romantik

Was die Bildung der Frau betrifft, markierte die Epoche der Romantik tatsächlich einen Fortschritt gegenüber der Aufklärung. Als kennzeichnend für die Aufklärung gilt zwar Kants Ausspruch „Habe Mut, Dich Deines eigenes Verstandes zu bedienen!“, doch Frauen wurden von dieser Forderung meist ausgenommen. Vereinzelt sprach man ihnen gar die Fähigkeit zum selbstständigen Denken ab: Die Frau sei von ihren körperlichen Gefühlen und ihrer Lust beherrscht und bedürfe daher der lenkenden Anleitung des Mannes.

Auch das Konzept der Liebesheirat war im 18. Jahrhundert kaum verbreitet: Arrangiert wurden Ehen meist von den Vätern, die den künftigen Gatten ihrer Tochter nach ökonomischen Gesichtspunkten auswählten (Sprich: Idealerweise konnte der Mann finanziell für die Frau sorgen). Von einer guten Ehefrau erwartete man, dass sie den erwerbstätigen Ehemann im Haus entlastete, den Haushalt führte und die Kindererziehung übernahm. In diesem Sinne glichen Ehen oftmals Zweckgemeinschaften.

Mit dem Beginn der Romantik gewann die Idee einer leidenschaftsgeprägten Liebesbeziehung an Bedeutung. Und im Zuge der romantischen Salonkultur traten viele Frauen als Gastgeberinnen literarischer Zirkel und Versammlungen auf. Damit verbunden war eine zunehmende literarische Bildung und die Teilnahme an philosophischen Diskussionen. Allerdings sollte man deswegen nicht glauben, dass ab dem 19. Jahrhundert die Frauen flächendeckend gebildet waren und sich ihren Partner selbstständig aufgrund gemeinsamer Interessen und inniger Liebe auswählten. Denn meist benötigten die erwerblosen bürgerlichen Frauen die Zustimmung ihres Ehemanns, um überhaupt einen Salon gründen zu können.

Das romantische Liebeskonzept prägte zwar viele Gedichte und Erzählungen dieser Zeit, doch dürfte es im alltäglichen Leben eine geringe Rolle gespielt haben. Und die Erziehungsliteratur vermittelte weiterhin das Idealbild einer guten Ehefrau, die sich pflichtbewusst allen Bedürfnissen ihres Mannes unterordnet. Ganz so, wie es der Schriftsteller und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau bereits 1762 gefordert hatte:

Die ganze Erziehung der Frauen muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, ihnen liebens- und achtenswert sein […]: das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau, das müssen sie von ihrer Kindheit an lernen.3Jean-Jacques Rousseau: „Émile oder Über die Erziehung“. Paderborn: 1998. S. 394.

Die Geschichte Undines ist somit auch ein Produkt ihrer Zeit, denn sie spiegelt das Spannungsfeld wider, das sich aus diesen unterschiedlichen Idealbildern ergibt: Auf der einen Seite die Vorstellung einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung, auf der anderen das Idealbild einer Ehefrau, die ihre Leidenschaften dem Mann unterordnet.

 

Undine: Vom Wassergeist zum Weibe
Im hier abgebildeten Schloss Nennhausen betrieb übrigens auch Fouqués Ehefrau Caroline einen literarischen Salon. Gäste waren unter anderem die Schriftsteller Adelbert von Chamisso und E.T.A. Hoffmann. Letzterer hat Undine“ sogar als Oper vertont. Randnotiz für Fontane-Leser: Caroline de la Motte Fouqué hieß gebürtig von Briest“ und war in erster Ehe unglücklich mit einem Offizier verheiratet. In seinem Roman Effi Briest“ nannte Fontane den Ehemann seiner Hauptfigur Instetten“. Ein Name, der erstaunlich viel Ähnlichkeit mit Fouqués Ritter Huldbrand von Ringstetten hat.

 

Interpretation des Märchens von Undine

Wer kennt es nicht: Das Gemaule im Schulunterricht, was die alten Schinken, die man dort liest, denn bitte mit dem gegenwärtigen Leben zu tun hätten? Im Falle von Undine weist die Geschichte meiner Meinung nach auf zahlreiche Probleme hin, die man bis heute in Beziehungen beobachten kann. Ich werde mich im Folgenden vor allem auf die Beziehungskonstellationen im Märchen konzentrieren. Allerdings verengt man die Geschichte, wenn man sie nur auf die Geschlechtsdynamiken reduziert.

Eines der zentralen Motive in der Romantik war die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur. Und Undine repräsentiert in diesem Sinne eben nicht nur einen bestimmten Frauentypus, sondern kann als Wassergeist auch als Symbol für den Konflikt zwischen menschlicher Kontrolllust und Natur verstanden werden. In diesem Sinne würde die Geschichte vor allem den tödlichen Ausgang einer Mensch-Natur-Beziehung skizzieren, in der der Mensch zuvor immer wieder die Gesetze und Bedürfnisse der Natur ignoriert hat.

Allerdings möchte ich die Geduld meiner geduldigen Leser, die trotz des Trends zu leicht verdaulichen Kurzvideos meine langen Artikel lesen, auch nicht übermäßig strapazieren. Ich werde daher die Natursymbolik in Undine nur am Rande erwähnen. Fouqués Märchen erlaubt jedoch beide Interpretationen: Undine lässt sich als symbolische Geschichte einer Beziehung zwischen Mann und Frau deuten, aber ebenso auch als Geschichte der Unvereinbarkeit von Mensch und Natur. 

 

Die Kennenlernphase: Undine zwischen erotischer Frau und aufmüpfigen Kind

Was die Entwicklung von Undine betrifft, ist Fouqués Märchen in zwei Abschnitte unterteilt: Die Kennenlernphase von Undine und Huldbrand vor ihrer Hochzeit und die Zeit danach.

Die Geschichte lässt wenig Zweifel daran, dass es zu Beginn vor allem erotische Anziehung war, die Huldbrands Aufmerksamkeit erregt hat, weniger gemeinsame Interessen oder die Persönlichkeit Undines. Doch auch Undine gefällt das Äußere des Ritters. Direkt vor ihrer ersten Begegnung hatte sie sich trotz ihrer 18 Jahre noch wie ein übermütiges ungezogenes Kind verhalten und von draußen immer wieder Wasser gegen die Fenster der Hütte geschüttet, obwohl sie damit das Geschimpfe ihrer Pflegeeltern provozierte. Als Undine dann eintritt und den jungen Gast bemerkt, ändert sich ihr Verhalten schlagartig. Sie lässt die nervenden Spiele sein und zeigt sich dem Ritter gegenüber geradezu unterwürfig.

Allerdings entspricht Undines Verhalten dabei keineswegs dem Idealbild des 19. Jahrhunderts: Sie ordnet sich dem Ritter zwar unter, aber zeigt nicht die geringste Zurückhaltung. Vielmehr beginnt sie schon nach wenigen Sekunden, am Gast herumzufingern, und macht ihre Zuneigung überdeutlich. Ein derart offenherziges Verhalten hätte in bürgerlichen Kleinfamilien damals wohl zur Schnappatmung geführt:

Huldbrand ergötzte sich an der holden Gestalt und wollte sich die lieblichen Züge recht genau einprägen, weil er meinte, nur ihre Überraschung lasse ihm Zeit dazu und sie werde sich bald nachher in zwiefacher Scham vor seinen Blicken abwenden.

Es kam aber ganz anders, denn als sie ihn nun recht lange angesehen hatte, trat sie zutraulich näher, kniete vor ihm nieder und sagte, mit einem goldenen Schaupfennig, den er an einer schönen Kette auf der Brust trug, spielend: „Oh, du schöner, du freundlicher Gast, wie bist du denn endlich in unsere arme Hütte gekommen? Mußtest du denn jahrelang in der Welt herumstreifen, bevor du auch einmal zu uns fandest?“4Friedrich de la Motte Fouqué: „Undine“ in: „Friedrich de la Motte Fouqué: Rittergeschichten und Gespenstersagen“. München: 2000. S. 10.

Sie fragt Huldbrand an diesem Abend geradezu neugierig aus. Als ihr Pflegevater die beiden im Gespräch unterbricht, reagiert sie zornig, tritt mit dem Fuß auf den Boden und rennt aus der Hütte, weil sie ihren Willen nicht bekommt. Huldbrand sorgt sich um das junge Mädchen, doch die Reaktion der Fischer lässt erahnen, dass solche Ausbrüche bei Undine häufig vorkommen und sie dennoch immer wieder nach Hause zurückkehrt ist.

Undine wirkt am Anfang des Romans oft wie ein unerzogenes launisches Kind, doch wird sie keineswegs als rein negativer Charakter dargestellt. Ihre wahre Natur als Elementargeist ist Huldbrand an dieser Stelle der Geschichte noch nicht bekannt, spiegelt sich aber in ihrem Verhalten wider. Ihre Gefühlregungen sind absolut und werden nicht durch anerzogene Sittsamkeit zurückgehalten: Wenn sie einen Menschen mag, zeigt sie das unmittelbar und ohne Zurückhaltung. In diesen Phasen wirkt sie sympathisch und liebevoll. Ist sie jedoch zornig, bedeuten ihr frühere Wohltaten und vergangene Gefälligkeiten nichts. Auch in ihrem Zorn ist sie absolut und verhält sich bisweilen kaltherzig und mitleidslos. An die guten Absichten und die Sorge ihrer Pflegeeltern verschwendet sie während ihrer Zornesausbrüche keinen Gedanken.

Undine liegt in einem Wald in Ritter Huldbrands Armen
Undine zeigt sich gegenüber Huldbrand sehr früh anschmiegsam. Ihre Direktheit entsprach aber keineswegs dem bürgerlichen Ideal.

Auf der einen Seite ist dieses Verhalten Kennzeichen von Undines Herkunft als Wassergeist. Doch auch Assoziationen zu einem trotzigen Kind sind naheliegend. Was Undine aber sehr deutlich von einem Kind abgrenzt, ist (neben ihrem Alter) ihr erotisch-romantisches Interesse. Denn Fouqué macht in seiner Geschichte Undines erotisches Interesse am Ritter so deutlich, wie man es im 19. Jahrhundert eben tun konnte, ohne die Zensoren auf den Plan zu rufen.

Allerdings entspricht Undine in der Bedingungslosigkeit ihrer Avancen keineswegs den üblichen Konventionen: Der Mann muss ihr nicht vorher seinen Wert beweisen und auch Huldbrands Herkunft oder Vermögen wird von ihr nie angesprochen. Das unterscheidet sie von ihrer späteren Nebenbuhlerin Bertalda, die ebenfalls an Huldbrand interessiert war, aber den Ritter erstmal auf einen Minnedienst durch den vermeintlichen Spukwald geschickt hat, damit er seinen Wert und seine Liebe beweist.

Undine hat für solche verkomplizierenden Gebräuche keinerlei Verständnis. „Die muss recht dumm sein: von sich zu jagen, was einem lieb ist!5Friedrich de la Motte Fouqué: „Undine“ in: „Friedrich de la Motte Fouqué: Rittergeschichten und Gespenstersagen“. S. 21 lautet daher auch ihr erstes Urteil über Bertalda.

In ihrer Aufrichtigkeit und Unverfälschtheit fungiert Undine also als romantisch-positives Gegenbild zu der eher kalkulierend vorgehenden Bertalda. Denn Bertalda orientiert sich an gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Und wenn sie gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt, dann nur aufgrund eines ausgeprägten Statusdenkens. Etwas, das Undine vollkommen fremd ist.


Vor der Hochzeit ist Undine ambivalent: Sie vereint liebenswürdige und abstoßende Charaktermerkmale

Das Herausragende an Fouqués Geschichte ist, dass seine Figuren keine reinen Schwarz-Weiss-Schablonen sind. So entspricht Undine teilweise durchaus dem romantischen Ideal der naturnahen, gefühlsbejahenden Frau. Aber anders als beispielsweise die Nixe in Hans-Christan Andersens Die kleine Meerjungfrau(oder in Disneys geglätteter Adaption Arielle) ist sie keine ausschließlich positive Figur. So singt sie in einer Szene ihrem Vater in Huldbrands Armen vor, dass sie bald mit ihrem Liebsten ihre Eltern verlassen und nie wieder zurückkehren werde. Als ihr Vater daraufhin in Tränen ausbricht, ist ihr das gleichgültig. Undine denkt nur an ihr Glück mit Huldbrand. Tatsächlich ist es Huldbrand, der sie um Rücksicht gegenüber ihrem Vater bitten muss. Überhaupt ist Undine zu Beginn der Geschichte von außerordentlicher Launenhaftigkeit und Ambivalenz geprägt: Für einen Moment zeigt sie sich mitfühlend und verantwortungsbewusst, dann egoistisch fordernd, dann liebevoll anschmiegsam. Das muss auch Huldbrand nach seinen Vogeljagden feststellen:

Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ es Undine fast nie, ihn auszuschelten, daß er den lieben Tiere oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja sie weinte oft bitterlich beim Anblick des toten Geflügels. Kam er dann aber ein andernmal wieder heim und hatte nichts geschossen, so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um seines Ungeschicks und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und Krebsen vorliebnehmen müsse. Er freute sich jedesmal herzlich auf ihr anmutiges Zürnen, um so mehr, da sie gewöhnlich nachher ihre üble Laune durch die holdesten Liebkosungen wieder gutzumachen suchte.6Friedrich de la Motte Fouqué: „Undine“ in: „Friedrich de la Motte Fouqué: Rittergeschichten und Gespenstersagen“. S. 26

Der letzte Satz weist aber bereits darauf hin, dass auch Ritter Huldbrand kein fehlerfreier Charakter ist. Zwar bemüht er sich aufrichtig um Tugendhaftigkeit, aber im späteren Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass es gerade auch das Ungezogene und Unzähmbare an Undine war, das ihn fasziniert. So bittet er Undine, mehr Rücksicht auf andere zu nehmen, doch als Undine nach ihrer Vermählung dann tatsächlich ihre Launenhaftigkeit und gelegentliche Kaltherzigkeit ablegt, verliert sie damit für Huldbrand einen großen Teil ihrer erotischen Anziehungskraft.

Das ist das Tragische am Märchen Undine: Die Liebesbeziehung endet nicht etwa aufgrund der charakterlichen Schwächen der Wasserfrau, sondern deswegen, weil Huldbrand in seinen durch Sozialisierung erworbenen Verhaltensmustern gefangenbleibt. Seine stetige Suche nach Herausforderung treibt ihn letztlich immer zu derjenigen Frau, die ihn vor die meisten Probleme stellt.





Autor: Marius Tahira

Blogger und hauptsächlich Verantwortlicher der Website marius-tahira.de, auf der er sich den Genres Horror, Dystopie und Thriller widmet. Nach einer Verlagsausbildung und seinem Germanistikstudium war er lange Zeit im Lektorat tätig und arbeitet nun im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

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