Die einbalsamierte Katie in Lee Cronin's The Mummy.

Filmkritik zu Lee Cronin’s The Mummy

Ein entführtes Mädchen wird nach Jahren wiedergefunden und kehrt zu ihren Eltern zurück – lebend, aber mit schweren körperlichen und seelischen Schäden. Was zunächst wie die Ausgangslage für ein schmerzhaftes Psychodrama klingt, mündet in den folgenden zwei Stunden jedoch in eskalierenden Bodyhorror mit verstörenden Szenen. „Lee Cronin’s The Mummy“ gibt dem Grauen zwei Wurzeln: Der Film thematisiert familiären Zerfall, aber weitet diesen Zerfall auf das Physische aus. Der Trauer und Sorge eines Elternpaars stellt Cronin knallharten Horror gegenüber, bei dem Haut von Körper geschält und reichlich Blut und Erbrochenes vergossen wird.

Das Wichtigste vorab: Trotz des Titels hat Lee Cronins Film kaum etwas mit dem gleichnamigen Abenteuerfilm mit Brendan Fraser gemein. Und auch wenn der Film gelegentlich als sehr freie Neuinterpretation des Schwarzweiß-Klassikers „The Mummy“ aus dem Jahre 1932 gehandelt wird, ist seine Handlung komplett eigenständig. Und vor allem ist der Film im Gegensatz zu den zuvor genannten Werken deutlich härter, bedrückender und vor allem expliziter in der Gewaltdarstellung. Wie schon in Evil Dead Risesetzt Lee Cronin als Regisseur und Drehbuchautor auch diesmal eine Familie in den Fokus, deren Stabilität und Sicherheit immer stärker erodiert. Und sein Film verbleibt nicht auf einer rein psychologischen Ebene, sondern mündet in dreckigem Horror geprägt von oft geradezu widerwärtigen Practical Effects.

Die Rückkehr des Entführungsopfers als Beginn, nicht Ende des Grauens

Der TV-Journalist Charlie Cannon (Jack Reynor) lebt mit seiner Frau Larissa (Laia Costa), Tochter Katie (Emily Mitchell) sowie Sohn Sebastián (Shylo Molina) seit einem halben Jahr in Kairo. Charlie steht unter beruflichen Druck, seine Frau Larissa ist schwanger, und Sohn Sebastián ist vor allem mit sich selbst und der Zerstörung fremden Spielzeugs beschäftigt. Und so bemerken die gestressten Eltern nicht, dass Katie seit einiger Zeit immer wieder Schokolade von einer Fremden zugesteckt bekommt. Eines Tages wird die Tochter von dieser fremden Frau (May Calamawy) entführt. Ein abruptes Verschwinden, das die Familie ohne jede Kontrolle zurücklässt. Die Suche nach dem vermissten Kind bleibt erfolglos.

Nach einem Zeitsprung zeigt der Film uns dann die Familie 8 Jahre später: Larissas zweite Tochter Maud (Billie Roy) geht inzwischen zur Schule, doch trotz der vergangenen Zeit kreisen die Gedanken der Eltern immer noch um dieselben Fragen – ob sie Katies Entführung hätten verhindern können, wer Schuld an ihrer Entführung hat und was ihrer Tochter in der Zwischenzeit widerfahren ist.

Parallel dazu setzt ein zweiter Handlungsstrang ein: In Ägypten stürzt ein Flugzeug ab. In den Trümmern wird ein unversehrter Sarkophag entdeckt – ein Fund, der bereits ungewöhnlich genug ist. Noch irritierender wird es, als sich beim Öffnen zeigt, dass sich darin keine antike Mumie befindet, sondern ein menschlicher Körper.

Und dieser Körper ist Katie – inzwischen älter (nun gespielt von Natalie Grace), in mit Inschriften beschriebene Mullbinden eingewickelt, einbalsamiert und in einem katatonischen Zustand. Die Rückkehr des Kindes markiert den Wendepunkt: Für die Familie ist sie zunächst ein Wunder, eine späte Auflösung des jahrelangen Traumas. Doch dieser Zustand hält nicht lange an. Bereits kurz nach ihrer Heimkehr wird deutlich, dass Katie nur noch wenig mit dem Kind gemein hat, das damals entführt wurde. Ihr Zustand ist körperlich wie psychisch auffällig, und es verdichten sich Hinweise darauf, dass mit ihr etwas Unheilvolles in das Haus eingezogen ist.

Lee Cronin’s The Mummy:  Psychohorror und Ekelschocks in enger Umarmung

Die zurückgekehrte Katie in Lee Cronin's The Mummy.
Nach ihrer Rückkehr ist Katie kaum noch wiederzuerkennen. (© Blumhouse Productions)

Mehr der Handlung soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Dieser kurze Abriss zeigt aber bereits den Fokus auf das Zusammenleben der Familie. Und ob man „Lee Cronin’s The Mummy“ als atmosphärisch dicht empfindet oder als unnötig lang, hängt entscheidend davon ab, wie man die Doppelseitigkeit seines Grauens bewertet. Denn der Film nimmt sich reichlich Zeit, die Konflikte innerhalb der wiedervereinten Familie zu inszenieren. Wenn die durch Misshandlung entstellte Katie nur in unheimlichen Lauten kommuniziert und aus den Augenwinkeln der sie pflegenden Großmutter und der jüngeren Schwester hasserfüllte Blicke zuwirft, dann ahnt der horrorerfahrene Zuschauer bereits, dass sich irgendwann übernatürliche Schrecken zeigen werden.

Aber ein Teil des Horrors ist eben auch ganz real: Wie reagiert eine Familie, die jahrelang um ihre entführte Tochter bangt, wenn diese zurückkehrt und nicht mehr wiederzuerkennen ist. Nur noch ein meist schweigendes, manchmal schreiendes psychisches Wrack ist, das nach und nach die anderen Kinder in Angst versetzt. Wenn sich die Pflege des zurückgekehrten Kindes zunehmend als eine Belastung gestaltet, der kaum Positives gegenübersteht. Wer solch eher psychologischem Horror etwas abgewinnen kann, für den ist „The Mummy“ ein schwarzschimmerndes Juwel. Alle anderen dürfte sich gelangweilt fragen, wann es denn endlich zur Sache geht.

Mit der Pflege Katies tritt dann die zweite Facette des Films in den Vordergrund: Und die konzentriert sich nicht auf die Psyche, sondern auf den zerfallenden Körper: Haut schält sich hier vom Körper, Blut und Erbrochenes spritzt durch den Raum und im Laufe des Filmes werden inszenatorisch gekonnt ebenso verstörende wie blutige Szenen auf die Leinwand gezaubert.

Inszenatorische Eskalation mit gelegentlichen Schwächen

Inszenatorisch zeigt Cronin ein gutes Gespür für Raum und Perspektive. Viele Szenen sind bewusst ruhig gehalten, arbeiten mit statischen Einstellungen und lassen den Figuren Zeit, sich innerhalb des Bildes zu bewegen. Gerade die erste Hälfte lebt stark von dieser Zurückhaltung. Der allmähliche Aufbau des Grusels ist routiniert in Szene gesetzt. Zwar sind Kamerafahrten durch unheimliche dunkle Häuser kein Novum im Horrorgenre, aber alles in allem liefert Cronin hier ab und zeigt handwerkliches Können.

Als Schwäche könnte man hier allenfalls die gelegentliche Überinszenierung von Passagen werten, in denen eigentlich keinerlei Gefahr besteht. Mehrfach folgen die Eltern Spuren zu Katies Vergangenheit, sprechen mit Archäologen oder werten Fundstücke aus. Wenn dann das bloße Aneinanderlegen von Schriftstücken oder andere Recherchetätigkeiten plötzlich von dramatischen Kamerfahrten und wuchtigem Sound begleitet werden, wirkt das teilweise deplatziert.

Seine visuelle Stärke entfaltet der Film vor allem im letzten Drittel, wenn die Dinge zunehmend aus den Ruder geraten. Hier wird teilweise auch mit dem altbekannten Formular gebrochen, dass das Grauen immer nur im Dunkeln und unbemerkt zuschlägt. Die Perversion des Familienidylls treibt Cronin während der Inszenierung einer makaberen Trauerfeier mit schockierenden Szenen auf die Spitze, und der anfangs so ruhige Film führt den Zuschauer hinab in einen wahren Mahlstrom des Grauens.

Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass Cronin diesen eskalierenden, zutiefst finsteren Ton komplett durchhält, aber Referenzen an Horrorklassiker und markige Oneliner durchbrechen dann gelegentlich die Immersion und lassen dem Publikum Zeit zum Aufatmen. Diese Einschübe wirken nicht zwingend unpassend, unterlaufen aber die emotionale Wucht einzelner Szenen. Nichtsdestotrotz ist „Lee Cronin’s The Mummy“ weiterhin ein bedrückend finsterer Film und weit entfernt vom selbstironischen Ton anderer Horrorfilme.

Lee Cronin’s The Mummy verschenkt Potenzial bei den Antagonisten

 

Die Ermittlerin Dalia Zaki aus "Lee Cronin's The Mummy" mit gezogener Pistole
Ermittlerin Dalia Zaki im EInsatz. (© Blumhouse Productions)

Die schauspielerische Leistung bewegt sich auf einem soliden bis guten Niveau. Besonders die Elternfiguren tragen den Film überzeugend und verleihen der emotionalen Ausgangssituation die notwendige Glaubwürdigkeit. Ein interessanter Nebencharakter ist Detective Dalia Zaki (May Calamawy). Diese Ermittlerin leistet einen wichtigen Beitrag, den übernatürlichen Teil der Geschichte aufzuklären und bleibt deswegen positiv im Gedächtnis, weil sie im Gegensatz zu anderen ihrer Genrekollegen durchaus kompetent wirkt und in entscheidenden Momenten eine erstaunliche Abgeklärtheit zeigt.

Einziger Wermutstropfen für mich ist May Calamawy, die Katies Entführerin spielt. Und das liegt nicht an ihrer schauspielerischen Leistung, sondern daran, dass die Figur so unsagbar eindimensional angelegt ist. Die Handlung von „The Mummy“ bot das Potenzial, hier eine ambivalente Figur zu schaffen, die nicht nur Widersacherin ist, sondern auch innere Zerrissenheit zeigt. Eine Figur die Böses tut, aber nicht zwangsläufig böse ist. Stattdessen kriegen wir ein klischeehaftes Abziehbild wie aus einem Cartoon: Die Entführerin bekommt Kopfschmerzen, wenn ihre Kinder glücklich singen, sie zermalmt vor deren Augen ein kleines Vögelchen mit der bloßen Hand, und damit wirklich der Letzte versteht, wie verdorben sie ist, stellt man ihr kontrastierend einen liebevollen Ehemann zur Seite.

Hier merkt man, dass Cronin zwar einen Film geschaffen hat, der über dem Durchschnitt an Horrorproduktionen liegt, aber manchmal zu sehr auf Nummer sicher geht: Wohlwissend, dass viele Zuschauer sich nach der Bestrafung einer bösen Antagonistin sehnen, schuf er keine vielschichtige Figur, sondern eine Frau, die geradezu grotesk unsympathisch ist. Und das wertet den eigentlich guten Film doch etwas ab.

Fazit zu Lee Cronin’s The Mummy

„Lee Cronin’s The Mummy“ verknüpft ein bedrückendes Familiendrama mit eindringlichem Bodyhorror. Gegen Ende verliert der Film an psychologischer Tiefe, besticht dafür aber durch makabere Eskalation, während der Regisseur Cronin die Perversion des Familienidylls und ekelhaft-körperliche Schockszenen gekonnt vereint. Was ein kompromisslos düsterer Film hätte sein können, wird jedoch gelegentlich ausgebremst durch ein zu starkes Verharren in Genrekonventionen: Für einen eher psychologischen Horror bleiben manche Figuren zu blass und Cronin gönnt durch Referenzen, vereinzelte humorvolle Einschübe und das Ausblenden an besonders intensiven Szenen dem Publikum dann ein Aufatmen. Viele werden sich daran nicht stören, doch sorgt es dafür, dass der Film seine düstere Tonalität und bedrückende Atmosphäre nicht komplett durchhält. Dennoch ist „Lee Cronin’s The Mummy“ klar einer der stärkeren Vertreter des Genres.


Filminfos: Lee Cronin’s The Mummy

Kinopremiere: 2026 | Regie: Lee Cronin | Drehbuch: Lee Cronin | Musik: Stephen McKeon

Besetzung:
  • Jack Reynor als Charlie Cannon
  • Laia Costa als Larissa Cannon
  • Emily Mitchell als junge Katie Cannon
  • Natalie Grace als ältere Katie Cannon
  • Shylo Molina als Sebastián Cannon
  • May Calamawy als Dalia Zaki
  • Verónica Falcón als Carmen Santiago
  • Hayat Kamille als Entführerin


Bildrechte

Die Bildrechte zu „Lee Cronin’s The Mummy“ liegen bei © Blumhouse Productions (2026)

Blogger und hauptsächlich Verantwortlicher der Website marius-tahira.de, auf der er sich den Genres Horror, Dystopie und Thriller widmet. Nach einer Verlagsausbildung und seinem Germanistikstudium war er lange Zeit im Lektorat tätig und arbeitet nun im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

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