Rezension: Junji Itōs „Tomie“

Collage aus Bildern von Tomie aus dem gleichnamigen Sammelband von Junji Ito

Junji Itō ist längst eine Ikone des Horror-Mangas. Seinen Durchbruch als Manga-Zeichner markiert die 1987 veröffentlichte Kurzgeschichte Tomie. In den Folgejahren ließ Itō die titelgebende Figur Tomie in vielen weiteren Erzählungen auftauchen. Dies nahezu unsterbliche Mädchen treibt zahlreiche Männer in den Abgrund, wird aber auch selbst immer wieder Opfer von Gewalt. Der Carlsen Verlag hat sämtliche Kurzgeschichten um die ebenso hübsche wie grausame Tomie ins Deutsche übertragen und in einer opulenten Luxusausgabe vereint.

Bild einer kokett antwortenden jugendlichen TomieSchon 1984 begann Junji Itō, eigene Mangas zu zeichnen – anfangs noch als Hobby. Hauptberuflich arbeitete er weiterhin als Zahntechniker. Drei Jahre später beschloss er jedoch, sich mit einem Manga für den Umezu-Preis zu bewerben. In den freien Stunden nach seiner Arbeit zeichnete er an der Story über ein Mädchen, das von seinen Schulkameraden bestialisch ermordet wird. So entstand unter Zeitdruck das nur 30-seitige Manuskript zu Tomie.

Obwohl Itō selbst seine Geschichte rückblickend als „lausig“ bezeichnet, gewann sie den Preis und Tomie wurde im Horrormagazin Gekkan Halloween veröffentlicht. Junji Itō erreichte dadurch erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums. Darauf aufbauend erarbeitete er sich den Ruf als einer der schockierendsten Horror-Zeichner Japans. Detaillierte wie albtraumhafte Bilder, in denen Itō die körperlichen und deformierenden Veränderungen seiner Protagonisten einfängt, gelten als sein Markenzeichen. Die Veröffentlichung von Tomie markiert den Startpunkt einer eindrucksvollen Karriere, die es ihm ermöglichte, seinen früheren Beruf aufzugeben und sich ganz aufs Zeichnen zu konzentrieren.

Die äußeren Werte von Tomie: Albtraumhafte Bilder in edler Aufmachung

Carlsen hat sämtliche Kurzgeschichten, in denen die Figur Tomie auftaucht, in einem mehr als 750 Seiten umfassenden Hardcover-Band gebündelt. Die Anthologie kostet knapp über 30 Euro: Angesichts der edlen Aufmachung, der stabilen Bindung und des Umfangs von Tomie ein gutes Angebot. Im deutschsprachigen Raum dürfte es schwer sein, einen ähnlich hochwertig publizierten Manga zu einem niedrigeren Preis zu finden.

Vergleich der Bilder zweier Tomie-Geschichten: Das erste aus dem jahr 1987, das zweite aus dem Jahr 2000.
Hier ein Bild aus der 1987 veröffentlichten Tomie-Kurzgeschichte im Vergleich zu einem Werk aus dem Jahr 2000.

Was die zeichnerische Qualität betrifft, war ich zunächst enttäuscht, denn die erste Geschichte in Tomie bietet bei weitem nicht den Detailreichtum Junji Itōs späterer Werke. Sowohl Figuren als auch Hintergründe sind stark vereinfacht; in einigen Szenen wirkt es, als hätte Itōs die Figuren so schnell aufs Papier gebracht, dass er dabei auch anatomische Ungenauigkeiten in Kauf nahm. Allerdings ist diese Geschichte nicht repräsentativ für die zeichnerische Qualität des gesamten Bandes. Wie erwähnt ist die erste Tomie-Geschichte unter erheblichen Zeitdruck entstanden. Und das sieht man leider auch. Zudem muss man sich vergegenwärtigen, dass die erste Geschichte bereits 1987 entstanden ist, während die letzte Geschichte des Bandes im Jahr 2000 entstand.

Zwischen beiden Geschichten liegen also 13 Jahre zeichnerischer Entwicklung. Doch schon in der zweiten Story zeigt Itō zeichnerisch eine erhebliche Verbesserung. Nach dem ersten Drittel der Anthologie hat er dann zur vollen Stärke gefunden und seine Geschichten überzeugen auf ganzer Linie.

Stilistisch setzt Itō auf einen realistischen Ansatz, wobei die Menschen jedoch vereinfacht dargestellt werden. Das heißt: Proportionen und Gesichtszüge entsprechen denen echter Menschen – riesige Augen und Knautschgesichter als typische Stilmerkmale anderer Mangas findet man bei Itō nicht. Für einen tatsächlich realistischen Stil sind die Figuren allerdings nicht detailreich genug. Detailreichtum zeigt Ito dafür an anderer Stelle: nicht bei einer realistischen Darstellung seiner Figuren, sondern bei ihren surrealen Veränderungen. Denn Tomie hat die Fähigkeit zur Regeneration: Wird das Mädchen getötet oder verletzt, dann wachsen ihr in einem abscheulichen Prozess neue Organe oder Gliedmaßen. Wird sie in Stücke gehackt, entwickeln sich aus den einzelnen Teile neue Tomies.

Die Deformation und den psychischen Verfall seiner Figuren, aus denen neues Leben herauswuchert, illustriert Junji Itō in Bildern, die geprägt sind von zerstörerischen Veränderungen des menschlichen Körpers. Itō verbindet in seinen Werken psychologischen mit Biological Horror. Seele und Körper verfallen bei ihm gleichermaßen. Das ist ebenso verstörend wie packend. Wem die hier dargestellten Ausschnitte seines Schaffens aber schon zu ekelhaft erscheinen und wer ein Problem mit der Darstellung zerstörter Leiber hat, der macht besser einen großen Bogen um Junji Itō.

Zwei Bilder einer schwer verletzten und einer ermordeten Tomie, aus der neue Tomies heranwachsen.
Leichte Verletzungen heilen bei Tomie in Sekundeschnelle. Wird sie getötet oder verstümmelt, nimmt der Regenerationsprozess allerdings monströse Züge an und es wächst eine neue Tomie aus dem toten Körper.

 

Junji Itōs Tomie: Femme Fatale und hilfloses Opfer

Gesichtsaufnahme von Junji Itos Mit ihrem glänzendem Haar, ihrem jugendlichen Aussehen und dem unverwechselbaren Schönheitsfleck zieht Tomie Männer in ihren Bann und weckt den Neid zahlreicher Frauen. In seinem Horror-Manga greift Itō Mythen und Stereotype um wunderschöne Verführerinnen auf, die Männer ins Verderben stürzen: Tomie ist manipulative und selbstsüchtige Femme Fatale und zeigt auch Eigenschaften eines dämonischen Succubus oder einer unheilvollen Vampirin, die nach männlicher Aufmerksamkeit giert oder sich gar vom Fleisch ehemaliger Liebhaber ernährt.

Da sie Eigenschaften so vieler europäischer und japanischer Mythenfiguren vereint, ist es unmöglich, Tomie auf eine einzelne Sagengestalt zurückzuführen.

Viele Erzählungen verlaufen nach einem ähnlichen Muster, doch jede variiert das Thema und fügt der Figur Tomie neue Nuancen hinzu, sodass der Leser nach und nach mehr über sie erfährt. Allerdings macht Itō nicht den Fehler, Tomie bis ins kleinste Detail zu erklären und ihr so das Unheimliche zu nehmen.

Und Itō vermeidet einen weiteren Fehler typischer Horrorgeschichten: Es gibt kein Schwarz-Weiß-Muster, in dem die sadistische Frau reihenweise unschuldige Männer verführt. Je nach Geschichte ist Tomie entweder ein harmloser, aber selbstsüchtiger Teenager oder skrupelloses Monstrum – aber nie ist sie wirklich sympathisch.

Bild von Junji Itos Tomie mit grausam zerschnittenem Gesicht
Die Grausamkeiten gegenüber Tomie sind stets so maßlos, dass sie sich nie als Reaktion auf ihre eigene Grausamkeit rechtfertigen lassen.

Doch machen sich bei Itō auch die Männer schuldig: Immer wieder ermorden männliche Teenager sowie Erwachsene die junge Tomie aus Eifersucht oder enttäuschter Liebe. Dabei gehen sie mit solcher Bestialität und gleichzeitig Lust vor, dass Parallelen zu Sexualmorden unübersehbar sind.

Itōs Geschichten sind keine moralischen Lehrstücke mit klarer Opfer-Täter-Verteilung: In ihren schlimmsten Episoden arbeitet Tomie gezielt auf den Tod anderer Menschen hin. Aber die Gewalt ihr gegenüber hat nie den Charakter ausgleichender Gerechtigkeit, sondern entspringt immer übersteigerter Lust, Gier oder krankhafter Eifersucht. Tomie ist Opfer und Täter gleichermaßen – ebenso wie es die Männer sind, die sie umbringen. Doch Tomie regeneriert sich jedes Mal aufs Neue und dann beginnt auch der Kreislauf aus Verführung, Begehren und Mord erneut …

 

Fazit zum Manga „Tomie Deluxe“

In seinen Geschichten um das Mädchen Tomie variiert und erweitert Junji Itō gekonnt die literarische Figur der Femme Fatale: Seine Protagonistin ist zwar eine dämonisch wirkende Schönheit, die Männer manipuliert und ins Unglück stürzt, aber gleichzeitig selbst Opfer männlicher Gewalt. In der düsteren Welt Itōs gibt es allerdings keine unschuldigen Opfer, sondern fast jedes Opfer ist oder wird irgendwann auch Täter. Und hinter einigen der in ihr grausames Extrem gesteigerten Verhaltensweisen kann man destruktive Geschlechtsdynamiken erkennen, wie man sie auch in der realen Welt findet.

Mehr als 10 Jahre zeichnete Junji Itō an seinen Kurzgeschichten über die unsterbliche Tomie. Und als Leser des rezensierten Sammelbandes kann man seinen künstlerischen Werdegang direkt mitverfolgen: von dem noch fehlerbehafteten Frühwerk bis hin zu den detailreich schraffierten Albtraumwelten, für die Itō inzwischen weltweit bekannt ist. Der Carlsen Verlag hat diesem Magnus Opus des Horror-Mangas ein angemessenes Gewand verpasst: Tomie erscheint als schwergewichtige 754 Seiten umfassende Luxusausgabe im Hardcover. Eine klare Kaufempfehlung für alle Freunde anspruchsvollen und verstörenden Bodyhorrors. Und eine ebenso klare Warnung an all jene, denen sich bei der expliziten Darstellung zersetzender Körper und Verstümmlungen der Magen umdreht.

_______________________________________________________________

Titel: Tomie Deluxe
Autor: Junji Itō
Übersetzer: Jens Ossa
Verlag: Carlsen Verlag
ISBN-13: 978-3-551-77909-0
Format: Hardcover
Seitenanzahl: 754 Seiten
Erschienen: März 2022



Autor: Marius Tahira

Blogger und hauptsächlich Verantwortlicher der Website marius-tahira.de, auf der er sich den Genres Horror, Dystopie und Thriller widmet. Nach einer Verlagsausbildung und seinem Germanistikstudium war er lange Zeit im Lektorat tätig und arbeitet nun im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.