Was ist Horror? Annäherung an eine Genre-Definition

Horror-Buch auf dem eine Schreibfeder steht und um das herum zwei Schädel liegen

 

Ob in der fachwissenschaftlichen Diskussion oder in Social-Media-Kommentaren: Immer wieder wird darüber gestritten, was genau Horror ist und welche Werke sich dem Genre zuordnen lassen. Und oft spielen dabei persönliche Befindlichkeiten eine viel zu große Rolle. In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, warum eine eindeutige Definition des Genres Horror so schwierig ist. Und ich erkläre außerdem, warum man zu eng gefassten Definitionen misstrauen sollte.

„Das ist ja gar kein Horror!“ Solche und ähnliche Bemerkungen liest man immer wieder in YouTube- und Facebook-Kommentaren. Meist beziehen sie sich auf Buch- oder Filmbesprechungen, in denen jemand ein Werk dem Horror-Genre zugeordnet hat. Wenn die Kommentierenden beweisen wollen, dass sie besonders hart und abgebrüht sind, heißt es zusätzlich noch: „Das ist kein richtiger Horror!!!“ Denn was „richtiger Horror“ ist, das wollen die werten Schreiberlinge damit ausdrücken, das wissen ja eigentlich nur sie allein. Alle anderen unbedarften Leser hätten halt keine Ahnung. Oder sie sind einfach zu weich, um den einzig wahren Horror zu kennen! Was an Argumenten fehlt, versuchen viele User dann durch Ausrufezeichen wettzumachen. Doch nicht nur in den Social Media, auch im universitären Umfeld besteht keinesfalls Einigkeit darüber, wie sich das Genre Horror definieren lässt.

Die Probleme beginnen schon bei der Frage, ob Horror zwangsläufig ein Element des Übernatürlichen beinhalten muss. In vielen Horrorgeschichten tauchen beispielsweise Dämonen, Vampire oder Geister auf. Sie enthalten also Elemente des Übernatürlichen. Aber ist das tatsächlich eine Grundvoraussetzung, um dem Genre Horror zugeordnet werden zu können? Beim Versuch einer Definition sollte man sich bewusst sein: Ein allgemein gültiger Horrorbegriff muss die unterschiedlichsten Spielarten des Genres abdecken. Eine zu enge Definition birgt die Gefahr, in erster Linie auf dem Bauchgefühl oder persönlichen Geschmack zu basieren, aber etlichen Werken nicht gerecht zu werden.

 

Die Wortbedeutung des Begriffs Horror”

Möchte man das Horror-Genre definieren, kommt man nicht umhin, sich erst mal mit dem Wort „Horror“ an sich auseinanderzusetzen. Der Begriff ist lateinischen Ursprungs und bedeutet so viel wie Schauder, Schrecken oder Abscheu. Früher wurde das Wort „Horror“ auch als Bezeichnung für Schüttelfrost genutzt bzw. für das Aufsträuben der Haare bei Kälteschauern. Eine körperliche Reaktion, die viele Menschen ebenfalls zeigen, wenn sie Angst empfinden. Daher auch das sprichwörtliche „Haare zu Berge stehen“. Mit der Übernahme des Begriffs in andere Sprachen fand allerdings eine Begriffsverengung statt: Horror wurde schließlich nur noch zur Bezeichnung eines Gefühlszustands verwendet. Im Englischen bedeutet „Horror“ entweder Grauen, Entsetzen oder Abscheu. Das französische „horreur“ hat ähnliche Bedeutung.

Es ist naheliegend, dass der namensgebende Begriff auf eine wesentliche Gemeinsamkeit aller Horrorgeschichten und -filme hinweist. So wie Kriminalliteratur eine kriminelle Handlung beinhaltet und Historienfilme historische Ereignisse oder Figuren beleuchten, so enthält das Horror-Genre selbstverständlich Werke, die sich dem Horror widmen: also eben dem Grauen, Entsetzen oder der Abscheu.

Eine Einschränkung ist hierbei allerdings wichtig: Es muss sich um fiktionale Darstellungen handeln. Denn auch, wenn sie manchmal Entsetzen oder Abscheu hervorrufen: Kaum jemand würde Tagesschau-Nachrichten als Horror-Produktionen bezeichnen.

Eine vorläufige und sehr weit gefasste Definition des Horror-Genres könnte also folgendermaßen aussehen:

Sehr allgemeine Eingrenzung des Horror-Genres

Diese Definition hat den Vorteil, dass sie sämtliche Subgenres des Horrors abdeckt. Ihr Nachteil besteht darin, dass sie auch Werke umfasst, die eher anderen Genres zuzuordnen sind. Das betrifft insbesondere Psycho-Thriller oder Melodramen.

Probleme einer engeren Definition des Horror-Genres

Der Versuch, eine exakte und sehr enge Definition des Horror-Genres zu formulieren, ist mit mehreren Problemen verbunden:

  1. Die Auswahl der für eine Definition untersuchten Werke erfolgt oft subjektiv. Sprich: Der Forscher hat seine Definition schon im Kopf und sucht bewusst oder unbewusst nur Werke aus, die ihr entsprechen.
  2. Enge und starre Regeln darüber, was zum Horror-Genre gehört, veralten schnell. Das allgemeine Genre-Verständnis hat sich mit der Zeit verändert und wird sich voraussichtlich weiter ändern. Zudem entstehen immer wieder neue Subgenres, die von zu engen Definitionen dann nicht mehr erfasst werden.
  3. Horror wird in erster Linie über die damit verbundenen Empfindungen bzw. die Stimmung definiert. (Sei es die der Protagonisten oder des Lesers/Betrachters). Es gibt aber viele Genres, die ebenfalls solche Gefühle auslösen.

Problem 1: Viele verweisen nur auf Werke, die ihre Definition stützen, und blenden die anderen aus

Das erste Problem ist schnell erklärt: Nehmen wir an, ein Forscher möchte eine Definition des Horror-Genres ausarbeiten. Diese soll nicht nur logisch nachvollziehbar sein, sondern auch mit dem allgemeinen Genre-Verständnis vereinbar. Dann müsste er eigentlich eine riesige Auswahl an Werken analysieren, die von der Mehrheit dem Horror-Genre zugeordnet werden. Er müsste also zunächst einmal herausarbeiten, was unter den Lesern und Filmschauenden überhaupt als Horror gilt. Und daraus müsste er seine Definition ableiten. Und passiert das? In der Regel nicht!

Leider ist es in den Literatur- und Medienwissenschaften gängige Praxis, eine in sich stimmige Definition zu zimmern, deren Gültigkeit man anhand willkürlich ausgewählter Werke zu beweisen versucht. All jene Werke, die dieser Definition widersprechen, werden nicht oder nur am Rande erwähnt. Oder sie werden einfach anderen Genres zugeordnet (bevorzugt dem Thriller). Damit eine saubere und trennscharfe Definition möglich ist, ist es allerdings geradezu notwendig, jene Werke auszugrenzen, die sich theoretisch mehr als einem Genre zuordnen ließen.

Der Soziologe Benjamin Moldenhauer hat das sehr schön auf den Punkt gebracht:

Der Versuch, eine universell gültige Definition des Horrorfilms zu formulieren, führt offenbar zur Konstruktion von Grenzen, die im lebendigen Genrebewusstsein keine Entsprechung haben1Moldenhauer, Benjamin: Horror. Zur Schwierigkeit, ein Genre zu definieren. In: Hollywood Reloaded. S. 52

Er bezieht sich zwar nur auf den Horrorfilm, aber seine Ausführungen lassen sich auch auf die Literatur übertragen. Sprich: Es gibt Filme und Bücher, die als Horror-Klassiker gelten, aber von trennscharfen Definitionen nicht erfasst werden. Das wird insbesondere an solchen Definitionen des Genres deutlich, laut denen Horror immer eine übernatürliche Komponente beinhaltet.

 

Exkurs: Das Übernatürliche als Bedingung des Horror-Genres?

Eine Genre-Definition, die sich lediglich darauf stützt, dass Horror mit Grauen, Schrecken oder Abscheu verknüpft ist, hat ein Problem: Eine Abgrenzung zu anderen Genres ist nicht immer möglich. Denn viele Thriller rufen ebenfalls solche Gefühle hervor. Wie kann man diese beiden Genres also trennscharf voneinander abgrenzen? Einige Theoretiker sehen die Lösung darin, das Horror-Genre ganz und gar der phantastischen Literatur zuzuordnen. Horror müsse demnach also immer etwas Übernatürliches beinhalten.

Einer der bekanntesten Vertreter dieser These ist der Amerikaner Noël Carroll. Laut seiner Definition beinhaltet fiktionaler Horror immer ein „Monster”, das sich nicht durch die zeitgenössische Wissenschaft erklären lässt.2Siehe hierzu: Noël Carroll: The Nature of Horror. In: The Journal of Aesthetics and Art Criticism Vol. 46, No. 1 (Autumn, 1987), S. 51 bis 59  Das müsse nicht unbedingt ein Monster im wortwörtlichen Sinne sein, sondern könne auch eine andere Form von Widersacher sein. Wichtig ist aber seine Unerklärlichkeit.

Das trifft sicher auf viele Genre-Produktionen zu. Aber ich bin mir sicher, dass den meisten Horror-Kennern sofort einige Filme und Bücher einfallen, die als Horror-Klassiker gelten und nicht in dieses Raster fallen. Auf der einen Seite gibt es beispielsweise zahlreiche Splatter-Produktionen, in denen kannibalistische Hinterwäldler oder Psychopathen die Widersacher sind („The Texas Chain Saw Massacre“ ist wohl eines der populärsten Beispiele dafür). Dann wären da noch die sogenannten Tierschocker („Der weiße Hai“). Und auf der anderen Seite haben wir Geschichten eher psychologischen Horrors, in denen der Protagonist aufgrund persönlicher Schuld dem Wahnsinn verfällt.

Es bedarf also erheblicher argumentativer Verrenkung, um die These zu retten, dass Horror immer zur Phantastik gehört. Nichtsdestotrotz fanden genau solche Verrenkungen statt: Das Tierverhalten in Tierschockern entspräche nicht dem natürlichen Verhalten von Tieren und die Psychopathen in Horrorfilmen seien von geradezu unnatürlicher Manipulationsgabe (Hannibal Lecter in “Das Schweigen der Lämmer“) oder Zähigkeit (Michael Myers in “Halloween“).

Schatten eines Masses mit Messer, der an Norman Bates erinnert.
Er muss leider draußen bleiben: Der gemeine Serienkiller ohne besondere Kräfte gehört laut Carroll nicht zum Horror.

Angesichts der Tatsache, dass einige Horror-Regisseure ihre Inspiration aus realen Ereignissen gezogen haben, lässt sich die These des übernatürlichen Monsters aber kaum aufrechterhalten. Kannibalistische Familien sind ein verbreitetes Motiv des Horrors. Doch es gibt sie auch in der Realität und nicht nur als übernatürliche Monstren. Im Subgenre des Torture Porn hat man es mit Sadisten zu tun, aber keineswegs mit Widersachern jenseits der erklärbaren Wirklichkeit.

Im Gegensatz zu Carroll beschränkt Hans Joachim Alpers das Horror-Genre keineswegs nur auf die phantastische Literatur. In seinem Vorwort zum “Lexikon der Horrorliteratur” schreibt er:

“Bei der Horrorliteratur haben wir es im wesentlichen mit einem Teilbereich der Phantastik zu tun, aber das Genre erstreckt sich auch auf Bereiche, die ohne übernatürliche Phänomene auskommen und dennoch eine Atmosphäre des Unheimlichen, Bedrohlichen oder Morbiden ausstrahlen.”3Hans Joachim Alpers im Vorwort zum Lexikon der Horrorliteratur. Hrsg. v. demselben, mit Werner Wuchs und Ronald M. Hahn. 1999. S. 5

Eine Einschätzung, die ich teile. Denn eine strenge Abgrenzung beruht oft auf der mehr oder weniger willkürlichen Festsetzung von Kriterien. Wenn diese dem widersprechen, was von der Mehrheit als „Horror” wahrgenommen wird, dann sollte man durchaus hinterfragen, wie sinnvoll eine solche Definition ist. Und zwar unabhängig davon, ob sie von einen horrorbegeisterten Professor oder einem pöbelndem Internettroll stammt.

 

Problem 2: Zu enge Definitionen des Horror-Genres veralten schnell

Ein weiteres Problem, das sehr eng gefasste Definition mit sich bringen: Sobald es neue Impulse im Horrorbereich gibt, sind sie veraltet. So kann es es passieren, dass das Horror-Genre neue Subgenres hervorbringt, die von einer sehr spezifischen Definition nicht erfasst werden. Schließlich ist genau das auch schon in der Vergangenheit passiert.

Unabhängig davon, wie man den künstlerischen Wert entsprechender Produktionen einschätzt: Mit dem sogenannten Torture Porn oder Torture Horror entstand vor wenigen Jahrzehnten eine Spielart des Horrors, die kaum noch etwas mit der frühen Schauerliteratur gemeinsam hat. Sobald ein Werk jedoch der eigenen Horror-Definition widerspricht, ist ein beliebter Kunstgriff, es einfach dem Thriller oder Melodram zuzuordnen. Das ist beim Torture Porn aber kaum möglich. Denn dort geht es oft weniger um das Erzeugen von Spannung als vielmehr um das Erregen von Ekel.

Als die ersten Horror-Theoretiker ihre Gedanken zu typischen Horror-Motive niederschrieben, ging es dabei  meist um Gespenster, verfluchte Orte, Untote, Okkultes und Monster. Dass die Darstellung von Folter durch andere Menschen einst Thema vieler Horrorgeschichten sein würde, damit hätten bis in die 70er-Jahre sicher die wenigsten  gerechnet. Dementsprechend passen viele der älteren Horror-Definitionen nicht mehr zu neueren Spielarten des Genres.

Das hängt auch ganz wesentlich mit dem Kernmerkmal der Horror-Literatur zusammen: Sie greift Ängste auf. Doch gesellschaftliche Ängste verändern sich oft mit der Zeit. Und somit verändern sich auch Themen und Motive des Horrors.

 

Problem 3: Horror erzeugt Grauen, Schrecken oder Abscheu. Das tun andere Genres oft auch

Es gibt Genres, die sich relativ leicht abgrenzen lassen. Das sind vor allem solche, die an eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Handlungsort gebunden sind. Bei einigen ist auch eine Abgrenzung über die Merkmale der Welt möglich, in der die Protagonisten ihre Abenteuer erleben:

Liste an Film- und Literaturgenes sowie ihrer typischen Settings

Das Problem beim Horror ist nun, dass er sich vor allem über seine emotionale Wirkung bzw. Grundstimmung definiert. Horror ist also nicht settinggebunden. Das führt dazu, dass es zahlreiche Überlappungen zu anderen Genres und Mischformen gibt. Als Beispiel sei der Film “Alien” genannt. Diesen Film könnte man dem Horror- ebenso zuordnen wie dem Science-Fiction-Genre.

Ein weiteres Problem der Definition über die emotionale Wirkung oder Stimmung: Grauen, Entsetzen oder Abscheu sind dem Horror-Genre nicht exklusiv. Die Figuren in Thrillern und Kriegsfilmen durchleben oft (nicht immer) dieselben Empfindungen. Und auch der Leser oder Betrachter kann entsetzt von dem sein, was in Kriegsfilmen und Thrillern passiert. 

Und hier sind wir beim Knackpunkt dessen, was eine Genre-Definition so schwierig macht. Ist sie zu eng gefasst, dann berücksichtigt sie diverse Werke nicht. Ist sie zu allgemein gefasst, ist eine Abgrenzung zu anderen Genres schwierig.

Vampirin, Schloss und Zombies in einer Großstadt als typische Motive des Horror-Genres
Ob verführerische Vampire, verfluchte Schlösser oder die Zombie-Apokalypse: Es gibt zahlreiche Motive, über die sich das Horror-Genre vom Thriller abgrenzen lässt.

Definition des Genres über typische Motive

Verfallene Burgen, die Rache von Geistern an ihren Peinigern, der Pychokiller in der Vorstadt: Ist es möglich, das Horror-Genre über seine gängigen Motive zu definieren? Meiner Meinung nach schon. Es gibt allerdings eine Schwierigkeit dabei: Das Horror-Genre umfasst inzwischen unzählige Subgenres mit teilweise unterschiedlichsten Motiven. Eine umfassende Definition, die sämtliche Motive abdeckt, wäre also alles andere als kurz. 

Brigid Cherry beschreibt in ihrem Buch „Horror” bereits sieben unterschiedliche Kategorien des Horrorfilms.4Vgl. Brigid Cherry: Horror. 2009. S. 5 f.

Tabelle zur Kategorisierung von Horrorgenres nach Brigid Cherry

Natürlich sind diese Kategorien nicht immer trennscharf. So beinhalten Gothic Novels meist auch Elemente des Okkulten und Übernatürlichen. Und die Grenzen zwischen Bodyhorror, Splatter und Exploitation sind ebenfalls  fließend. Wenn man allerdings die typischen Motive solcher Subgenres herausarbeiten würde, dann ließe sich daraus eine Definition ableiten, die eine stärkere Abgrenzung von anderen Genres erlaubt.

Die Frage ist jedoch, wie alltagstauglich eine solche Definition wäre. Denn im Grunde bestünde sie aus einer überlangen Liste an Motiven. Das sähe beispielsweise so aus:

Kategorisierung des Horror-Genres über die Motive

Die oben genannte Liste ließe sich noch um etliche weitere Punkte ergänzen. Bereits Lovecraft hat in seinen literaturwissenschaftlichen Abhandlungen mehr als ein Dutzend typischer Motive des Horrors herausgearbeitet. Und das war Anfang der 1930er-Jahre!

Zahlreiche neue Subgenres des Horrors sind seitdem entstanden. Und mit ihnen auch neue Motive des Horror-Genres. (Mit dem Begriff des “Final Girls”, das der Slasher-Orgie eines Massenmörders entkommt, hätte ein Lovecraft wahrscheinlich wenig anfangen können)

Eine Abgrenzung über die Motive ist also aufwendig und bedarf der stetigen Erweiterung. In der Vergangenheit gab es daher häufig Versuche, die Motive zu bestimmten Motiv-Gruppen zusammenzufassen. Das birgt wiederum die Gefahr, dass sich bestimmte Motive diesen Gruppierungen nicht zuordnen lassen. Eine schlüssige Definition des Genres Horror zu finden, ist also eine vertrackte Aufgabe

 

Der kleinste gemeinsame Nenner: Im Horror lässt sich die Ursache der Bedrohung nicht rational erklären

Hinsichtlich ihrer Motive unterscheiden sich Horror-Produktionen oft. Geschichten über adlige Vampire stehen Tierschocker um mutierte Insekten gegenüber. Doch es gibt ein gemeinsames Merkmal, das Horrorgeschichten deutlich von anderen Genres abgrenzt. Mit dem Verweis auf das Übernatürliche deuten Forscher wie Carroll bereits grob in die richtige Richtung. Doch schießen sie über das Ziel hinaus, wenn sie Horror geschlossen der Phantastik zuordnen.

Georg Seeßlen kommt in seiner Abhandlung zur Poetik des Horrors unter anderem zu folgendem Schluss:

Letztlich kann man als Gegenstand der Horrorliteratur […] die Angst begreifen, die von Dingen ausgeht, die sich entweder überhaupt nicht oder nicht zu Ende erklären lassen. Das reicht also von Wesen, die eher der Mythologie oder der Traumdeutung […] entsprechen, bis hin zu Menschen, deren Verhalten „unfassbar” ist.5Georg Sesslen: Horror. In: Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. 2013. S. 526.

Diese Aussage könnte man auch auf schreckliche Untaten beziehen, die sich nicht rational erklären lassen. Die Serienmörder in Slasher-Filmen handeln allen kulturellen Normen zuwider, ihre Beweggründe sind irrational. Und das Abgleiten in den Wahnsinn, wie es in einigen Geschichten Poes Thema ist, widerspricht zwangsläufig jeder Vernunft. Doch daran ist nichts übernatürlich.

Kennzeichnendes Merkmal des Horrors ist meiner Einschätzung nach, dass die Ursache der Bedrohung sich nicht rational erklären lässt.6Auch die Medienwissenschaftlerin Isabel Pinedo ist überzeugt, dass der Angriff auf das Rationale wesentliches Merkmal des modernen Horrors ist. Vgl. Isabel Christina Pinedo. Postmodern Elements of the Contemporary Horror Film. In: The Horror Film. 2004. S. 88 bis 91.

Über das rational nicht erklärbare Grauen lässt sich Horror von nahestehenden Genres unterscheiden. Es ermöglicht beispielsweise eine deutliche Abgrenzung zu Kriegsdramen. Denn auch wenn die Gräuel des Krieges viele Menschen entsetzen, so sind die dahinterliegenden Ursachen doch erklärbar. Wir verstehen das politische Kalkül und die wirtschaftlichen Interessen, die häufig zu Kriegen führen.

 

Fazit: Wer bei seiner Horror-Definition alle Subgenres berücksichtigen will, muss Grauzonen hinnehmen

Eine möglichst trennscharfe Definition des Horror-Genres kommt um eine Darstellung typischer Stereotypen und Motive nicht herum. Allerdings ist eine schnelle Erklärung des Genres über die Motivwahl kaum in wenigen Zeilen möglich. Dazu sind die Motive des Horror-Genres zu vielfältig. Eine Definition, die sich auf den Aspekt des Grauens und des Irrationalen stützt, bietet hingegen eine gute Annäherung an. Und vor allem beschränkt sie das Horror-Genres nicht auf den Bereich der Phantastik.

Die Obsession eines Norman Bates für seine Mutter ist nicht rational erklärbar. Ebenso wenig der Kannibalismus degenerierter Familien in Filmen wie The Texas Chain Saw Massacre oder Wrong turn. Aber nur weil sich etwas nicht mit den Gesetzen der Logik oder Vernunft erklären lässt, muss es nicht übernatürlich sein. Die sehr allgemeine Definition am Textanfang ließe sich also folgendermaßen erweitern:

 

Definition des Horror-Genres über die Merkmale Grauen und fehlender rationaler Erklärung

 

Gemäß dieser Definition wären also Darstellungen, in denen es um Verbrechen aus rational erklärbaren Motiven geht, kein Horror.

Überschneidungen zum Thriller sind aber in jenen Werken möglich, in denen natürliche Wesen (Menschen oder Tiere) ein logisch nicht erklärbares Verhalten zeigen. Und mit dieser durchlässigen Grenze dürfte obige Definition tatsächlich dem allgemeinen Genre-Verständnis sehr nahe kommen. Denn genau das sind die Werke, über deren Einordnung in den Social Media am häufigsten diskutiert wird. Im besten Fall sind alle Beteiligten dabei offen für die Argumente der anderen. Denn dann lässt sich auch die Definition Moldenhauers nutzen:

Horror ist das, was die, die sich darüber verständigen – das Publikum, die Produzenten, die Filmkritiker – Horror nennen.7Benjamin Moldenhauer: Horror. Zur Schwierigkeit, ein Genre zu definieren. In: Hollywood Reloaded. 2013. S. 53.

History of Horror: Dieser Kanal beleuchtet unter anderem, dass Genre-Zuschreibungen oft zeitabhängig sind. Ängste ändern sich. Und damit auch das, was als Horror empfunden wird.

 

Literaturverzeichnis

  • Alpers, Hans Joachim (Hrsg. mit Werner Wuchs und Ronald M. Hahn): Lexikon der Horrorliteratur. Erkrath: 1999.
  • Carroll, Noël: The Nature of Horror. In: The Journal of Aesthetics and Art Criticism Vol. 46, No. 1 (Autumn, 1987), S. 51 bis 59.
  • Cherry, Brigid: Horror. Abington, New York: 2009.
  • Moldenhauer, Benjamin: Horror. Zur Schwierigkeit, ein Genre zu definieren. In: Hollywood Reloaded: Genrewandel und Medienerfahrung nach der Jahrtausendwende (Schriftenreihe zur Textualität des Films). Hrsg. v. von Jennifer Henke, Magdalena Krawoski, Benjamin Moldenhauer und Oliver Schmidt. Magedeburg: 2013. S. 44 bis 57.
  • Sesslen, Georg: Horror. In: Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. v. Hans Richard Brittnacher und Markus May. Stuttgart, Weimar: 2013. S. 522 bis 529.
  • Pinedo, Isabel Christina: Postmodern Elements of the Contemporary Horror Film. In: The Horror Film. Hrsg. v. Stephen Prince. New Jersey: 2004. S. 88 bis 91.

Bildnachweise

 

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