Die Idee klingt interessant und unverbraucht: Ein Haunted-House-Film, der konsequent durch die Augen eines Hundes erzählt wird. In seinem Debütfilm „Good Boy – Trust His Instincts“ wagt Regisseur Ben Leonberg eine filmische Perspektivverschiebung. Die Story ist durchgängig aus der Sicht des Nova Scotia Duck Tolling Retriever Indy erzählt. Leider bleibt dies die einzige Innovation in einem Horrorfilm, der sonst an Genrekonventionen und seichtem Symbolismus klebt.
Nach mehreren Kurzfilmen ist „Good Boy“ der erste längere Spielfilm von Regisseur und Drehbuchautor Leonberg. Und der passende Hauptdarsteller war schnell gefunden: Leonberg arbeitete einfach mit seinem eigenen Hund Indy, der im Film auf denselben Namen hört. Und bei einer Produktionszeit von ungefähr 3 Jahren dürfte ein Hauptdarsteller, der sich mit Leckerlis bezahlen lässt, der Produktionskasse auch gutgetan haben. Inspiriert wurde Leonberg laut eigener Aussage durch die Einstiegssequenz des Horrorklassikers „Poltergeist“, der mit einer Hauskundung aus Sicht des Familienhundes beginnt. Für seinen eigenen Film entschied sich Leonberg, diese Perspektive nicht nur ein paar Minuten aufrechtzuerhalten, sondern komplett aus Sicht eines tierischen Protagonisten zu erzählen.
Was soll da schon schiefgehen: Todkrank mit Hund ins abgeschiedene Haus
Auch „Good Boy“ blieb nicht von der deutschen Marotte verschont, jedem Film einen Nebentitel zu verpassen. Hierzulande wird er also unter dem Titel „Good Boy – Trust his Instincts“ vermarktet wird. Ausnahmsweise ist diese Ergänzung jedoch gar nicht schlecht gewählt, denn sie gibt exakt die Prämisse des Films wider: Was wäre, wenn Hunde, die scheinbar grundlos bellen oder konzentriert ins Nichts schauen, eigentlich nur auf etwas reagieren, das den menschlichen Sinnen verborgen bleibt? Wenn sie Gefahr oder gar Übernatürliches viel früher bemerken als wir?
Diese Frage ist Aufhänger für Leonbergs Debüt, dessen Handlung sich schnell umreißen lässt: Todd (Shane Jensen), gesundheitlich durch ein Lungenleiden schwer angeschlagen, zieht mit seinem treuen Begleiter Indy ins abgelegene Haus seines verstorbenen Großvaters. Doch schon bald scheint Indy dort eine unheimliche Präsenz zu wittern …
Die Inszenierung in „Good Boy“ überzeugt, … größtenteils
Formal überzeugt „Good Boy“ zunächst. Mit Rückblenden in Form alter Kameraufnahmen und Fotos vom Zusammenleben Todds und seines treuen Hundes Indys wird eine Wärme erzeugt, die nicht nur Hundebesitzer nachfühlen können. Sobald dann die eigentliche Handlung um das einsame im Wald gelegene Haus beginnt, sorgt Kameramann Wade Grebnoel für eine glaubhafte Welt aus Sicht des Tieres. Er verlagert die filmische Wahrnehmung durchgehend in Bodennähe: Das Haus erscheint übermächtig, die Möbel zu groß, die Räume riesig und verzerrt. In den nächtlichen Außenszenen formen Regen, Wind und Dunkelheit eine Stimmung, in der Bedrohung stets spürbar ist. Begleitet wird das von Sam Boase-Millers dröhnend-dumpfem Sounddesign. Dem Film gelingt es schnell, eine unheilvolle Atmosphäre aufzubauen. Doch sobald die Inszenierung enger mit dem Erzählerischen verknüpft ist, fangen die Probleme an.

Gesichts- und farblos: Die Menschen in „Good Boy“
Den Film aus Perspektive des Hundes zu erzählen, ist eine interessante Innovation. Alle zum Verständnis notwendigen Informationen erhalten die Zuschauer durch Dialoge der menschlichen Figuren sowie eingehende Sprachnachrichten und Anrufe auf Todds Handy. Da Indy seinem Herrchen kaum von der Seite weicht, bekommt er eben auch alle Anrufe mit.
Das ist durchaus eine clevere Lösung; indes fühlen sich einige der Gespräche Todds mit seinem Hund forciert an. Natürlich reden Hundebesitzer oft mit ihren Vierbeinern. Aber wenn Todd auf einem Friedhof Indy beispielsweise von seiner Familiengeschichte erzählt und erklärt, dass dort seine Angehörigen liegen, dann ist offensichtlich, dass er eigentlich zum Filmpublikum spricht.
Einer der stärksten inszenatorischen Fehlgriffe ist für mich aber der nahezu komplette Verzicht auf Gesichtsdarstellung bei menschlichen Figuren. In vielen Szenen wirkt das passend, da die Kamera eben auf Bodennähe platziert ist und nur die Beine der Menschen zu sehen sind. Aber wenn Indy mehrfach zu seinem Herrchen hochschaut und durch das Gegenlicht dessen Kopf nur als dunkle Silhouette zu erkennen ist, dann fühlt sich das nicht mehr wie stimmige Hundeperpektive an, sondern wie eine Inszenierung, die man krampfhaft aufrechterhält, ohne dass sie sich inhaltlich begründen lässt. Und dieses Detail weist auf eine der größten Schwächen in „Good Boy“ hin: die Darstellung der Menschen. Denn selbst aus Hundesicht hätte der Blick auf Mimik und Körpersprache mehr Tiefe erlaubt. Doch Todd bleibt ein gesichtsloses Paar Beine und dient im Grunde nur als Stichwortgeber und Handlungskatalysator.
Da hilft es auch nicht, dass die Gefahrensituation im Film überwiegend aus Todds Dummheit resultiert. Einer Dummheit, die man bereits in den ersten Filmminuten erfasst: Todd ist offensichtlich todkrank, reist ohne menschliche Unterstützung in ein abgeschiedenes Haus und ignoriert alle Warnzeichen. Der Schrecken nimmt nur deswegen seinen Lauf, weil der Protagonist zu stur ist, gesunden Menschenverstand zu zeigen.
Handlung zwischen ausgelutschter Konvention und platter Symbolik
„Good Boy“ lässt durchaus mehrere Interpretationsebenen zu. Man kann ihn als zeitgenössische Adaption des klassischen Spukhaus-Motivs deuten. Aber dann bietet er kaum Neues, nichts Packendes, nur tausendmal Gesehenes – mit der Perspektive des Hundes als einziger Innovation. Oder man deutet ihn symbolisch. Ich bin kein Freund prätentiös überfrachteter Filme, aber „Good Boy“ ist symbolisch so on the Nose, dass man dann bereits nach 15 Minuten weiß, wohin die Reise geht. Und danach muss man eine weitere Stunde lang mitansehen, wie der Film vollkommen überraschungsfrei die eigene Erwartung erfüllt. Spannend geht anders.
Fazit zu „Good Boy“
Mit „Good Boy“ sorgt Regisseur Leonberg für einen frischen Ansatz, indem er sich ganz auf die Perspektive seines vierbeinigen Protagonisten Indys konzentriert. Und das funktioniert überraschend gut: Retriever Indy dürfte die Herzen der meisten Zuschauer schnell gewinnen. Auch Musik und atmosphärische Inszenierung überzeugen. Nur leider ist die Handlung vorhersehbar, die Symbolik platt und die Innovation ist mit dem Hundeprotagonisten dann bereits erschöpft. Der menschliche Hauptdarsteller bleibt blasses Abziehbild und bringt sich im Grunde selbst in Gefahr. So drückt man Indy die Daumen, dass er überlebt, aber ob er sein Herrchen retten kann, ist einem recht bald egal.
Bildrechte
Bildrechte zu „Good Boy“ (deutscher Titel: „Good Boy – Trust his Instincts“) liegen bei © DCM / What’s Wrong With Your Dog? / Shudder (2025)




























