Buchkritik: Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“

Bildes eines Spukhauses mit dem Buch "Spuk in Hill House" vom Festa Verlag im Vordergrund
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Shirley Jacksons Spuk in Hill House (Originaltitel: The Haunting of Hill House) dürfte mit Sicherheit der bekannteste Schauerroman sein, der ein unheimliches Spukhaus als Setting hat – eben das namensgebende Hill House. Schon in seinem Entstehungsjahr 1959 wurde er als einer der besten Gruselromane überhaupt gelobt. Inzwischen wurde der Roman zweimal verfilmt, als Theaterstück umgesetzt und war Vorlage der gleichnamigen Netflix-Serie. Doch was genau zeichnet den Roman eigentlich aus?

Wollte man beschreiben, was Shirley Jackson von anderen Großmeistern des Horrors abgrenzt, dann wäre es wohl Folgendes: Das Abgründige verbirgt sich bei ihr stets im Menschen selbst. Das Grauen ist nie nur äußere Bedrohung, es ist nicht das kosmische Unbekannte wie beispielsweise bei einem Lovecraft. Vielmehr ist es eng mit Jacksons Protagonisten oder deren Mitmenschen verknüpft: Das gilt für ihre Kurzgeschichte The Lottery ebenso wie für Wir haben schon immer im Schloss gelebt oder eben auch Spuk in Hill House.

Shirley Jackson ist eine Virtuosin des psychologischen Horrors: In ihren Werken geht es selten um blutige Schocks oder übernatürliche Widersacher. Vielmehr handeln sie von dem Grauen, das der Mensch in seinem Innern verbirgt. Und das furchteinflößende Hill House ist ein Ort, der die Psyche seiner Besucher auf eine harte Belastungsprobe stellt.

Inhaltsangabe zu „Spuk in Hill House“

Der Roman Spuk in Hill House handelt von einem Experiment des Anthropologen Doktor Montague. Dieser möchte vermeintlich übernatürliche Phänomene wissenschaftlich untersuchen. Zu diesem Zweck lädt er mehrere Personen nach Hill House ein. Denn über eben jenes Hill House kursieren allerlei unheimliche Geschichten.

Doktor Montague hat das Haus für mehrere Monate gemietet und Gäste eingeladen, die seinen Recherchen zufolge bereits mit übernatürlichen Phänomenen zu tun hatten. Von all den Eingeladenen erscheinen letztlich aber nur zwei: Eleanor Vance, eine etwas gehemmte junge Frau, die sich jahrelang um ihre kranke Mutter gekümmert hat, sowie Theodora, eine exaltierte und offenherzige Künstlerin, der man telepathische Fähigkeiten nachsagt. Neben dem Doktor und seinen beiden Gästen verbringt auch noch der humorvolle Taugenichts Luke Anderson den Sommer im Hill House. Er ist der künftige Erbe des Anwesens. Montague bittet die drei, genau aufzuschreiben, welche außergewöhnlichen Dinge ihnen in Hill House widerfahren.

Schon am Tag ihrer Ankunft fällt den vier die außergewöhnliche Architektur des Hauses auf. Sämtliche offenstehenden Türen fallen zu, ohne Plan findet man sich in seinem Inneren kaum zurecht und droht, sich zu verlaufen. Da die beiden Hausverwalter Mr. und Mrs. Dudley sich weigern, bei Dunkelheit in der Nähe des Hauses zu bleiben, verbringen der Doktor und seine Gäste die Nächte allein in Hill House …

Was die Vorlage betrifft, dürfte der 1963 abgedrehte Schwarz-Weiß-Film „The Haunting” weiterhin die werkgetreuste Verfilmung sein. In Deutschland wurde er unter dem unseligen Titel „Bis das Blut gefriert” vermarktet.

Meine Bewertung des Romans

Shirley Jackson schafft es, in wenigen Worten eine soghafte Atmosphäre des Schauerlichen zu schaffen. Ebenso wie den Besuchern beim Anblick von Hill House unmittelbar bewusst wird, dass von diesem Gebäude etwas Furchteinflössendes ausgeht, wird dies auch dem Leser verdeutlicht:

Es war ein Haus ohne Freundlichkeit, nicht für Bewohner gedacht, kein gesunder Ort für Menschen, die liebten und hofften. Auch keine Austreibung böser Geister kann das Wesen eines Hauses verändern. So wie Hill House war, würde es bleiben, bis es zerstört war.1Shirley Jackson: Spuk in Hill House. Leipzig: 2019. S. 93.

Allerdings ist es nicht so, dass Spuk in Hill House den Spannungsbogen ohne Pause anzieht. Shirley Jackson arbeitet vielmehr stark mit dem Mittel der Kontrastierung. Selbst an diesem unheimlichen Ort gibt es immer kleine Episoden des Glücks: beispielsweise freundschaftliche Zusammenkünfte der vier Hauptcharaktere oder vergnügliche Ausflüge in die Natur. Man kommt dabei ein gutes Gefühl dafür, was die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren auszeichnet. Und alle vier ist gemeinsam, dass sie eine lebhafte Fantasie und viel Freude am Ersinnen teils lustiger, teils grotesker Geschichten haben. Aber eben diese Fantasie ist auch Angriffspunkt, an dem der Schrecken in Hill House ansetzen kann. Das gilt für das unheimliche Knarren und Poltern im Haus ebenso wie für die Gespräche mit den neugewonnenen Freunden.

Die Netflix-Serie Spuk in Hill House” hat durchaus ihre Qualitäten, mit dem Roman bis auf das titelgebende Haus aber fast nichts mehr gemeinsam.

Shirley Jackson beschreibt akribisch den seelischen Verfall der Gäste, wobei sie sich vor allem auf die Beziehung zwischen der schüchternen Eleanor und der offenherzigen Theodora konzentriert. Insbesondere Menschen, die selbst einmal unter Selbstzweifeln oder Depressionen gelitten haben, dürften viele der schädlichen Gedankenmuster wiedererkennen, die die Hausbewohner nach und nach an den Tag legen: „War die Bemerkung tatsächlich freundschaftlich gemeint oder eine versteckte Beleidigung? Grenzen die anderen mich aus und machen sich über mich lustig?

Was tatsächlich auf den Einfluss des Hauses zurückzuführen ist und was von Anfang an in der Psyche der Protagonisten angelegt war, lässt sich oft nicht eindeutig beantworten. Gerade diese Doppelbödigkeit macht Spuk in Hill House zu einem Meisterstück des psychologischen Horrors.

Doch gibt es bei all den Lorbeeren auch Kritik an Shirley Jacksons Klassiker? Aus meiner Sicht durchaus, wenn auch nur eine kleine. Vor allem im letzten Drittel hätte man Tempo und Spannung der Erzählung noch etwas anziehen können. So hätte ich mir an einigen Stellen gewünscht, dass die Geschehnisse stärker eskalieren oder Jackson bestimmten Ereignissen mehr Raum lässt, sodass sie länger nachwirken können. Das sollte Freunde gepflegten Gruselns und psychologischen Horrors jedoch nicht abhalten, diesen Roman zu lesen. Denn Spuk in Hill House ist vollkommen zurecht ein Klassiker des Horrors, der durch seine präzise Figurendarstellung eine unheilvolle Atmosphäre erzeugt.

Fazit zu „Spuk in Hill House”

Spuk in Hill House ist ein Gruselroman, der behutsam Spannung aufbaut und sich auf die seelischen Abgründe seiner Protagonisten konzentriert. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind dabei sehr überzeugend ausgearbeitet. Die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit lässt sich häufig nicht klar ziehen, wodurch der Leser ebenso im Dunkeln tappt wie die Hausbewohner. Dadurch wird das Gefühl des Unheilvollen noch verstärkt. All das macht den Roman zu einem ein Must-read für Freunde des subtilen psychologischen Horrors.

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Nachträgliche Info zu den Verfilmungen des Romans

Wer vor allem werkgetreue Verfilmungen mag und sich jedes Mal ärgert, wenn eine Verfilmung zwar den Romantitel nutzt, aber kaum noch etwas mit der Vorlage zu tun hat, dem lege ich den Schwarz-Weiß-Film „Bis das Blut gefriert” ans Herz. Die deutschen Rechteinhaber haben zwar mal wieder ihr Bestes getan, dem Film einen möglichst unpassenden und reißerischen Titel zu geben (der Originaltitel war schlicht: „The Haunting”), aber tatsächlich handelt es sich um einen atmosphärischen Gruselfilm, der auf billige Schockeffekte vollends verzichtet. Ich habe den Film gesehen, noch bevor ich den Roman kannte, und war beim Lesen des Romans überrascht, wie stark sich der Film an die literarische Vorlage gehalten hat.

Der Film „Das Geisterschloss” aus dem Jahre 1999 gibt die Doppeldeutigkeit des Originals vollkommen auf, indem er recht früh die Geistererscheinungen mit Special Effects in den Vordergrund rückt. Die neue Netflix-Serie hingegen ist eine komplette Neuinterpretation, für die Handlung und Charaktere stellenweise stark geändert wurden.

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Titel: Spuk in Hill House
Originaltitel: The Haunting of Hill House
Autorin: Shirley Jackson
Übersetzerin: Eva Brunner
Verlag: Festa Verlag
ISBN-13: 978-3-86552-707-3
Format: Gebunden
Seitenanzahl: 320 Seiten
Erschienen: Mai 2019 | Erstveröffentlichung: September 1959 

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