Gespenster in Horrorgeschichten – Teil 2

Schreiendes Gespenst im Spiegel als Vorschaubild auf Marius-Tahira.de

Von echten und falschen Geistern

Das Groteske an vielen sogenannten Gespenstergeschichten ist, dass in ihnen Gespenster im eigentlichen Sinne gar nicht auftauchen. Neben Erzählungen, die tatsächlich von Totengeistern handeln, gibt es nämlich auch solche, in denen verkleidete Schurken für Gespenster gehalten werden oder Menschen sich geisterhafte Erscheinungen nur einbilden. Dennoch wurden und werden auch solche Geschichten häufig als „Gespenstergeschichten“ vermarktet. Grund genug, sich mit den unterschiedlichen Arten von Gespenstergeschichten zu beschäftigen.

Im ersten Teil meiner Reihe „Gespenster in Horrorgeschichten“ ging es in vor allem um Geister als Symbol für die Unausweichlichkeit des Todes. Der übernatürliche Totengeist – also die auf Erden wandelnde Seele eines Verstorbenen – spiegelt in Horrorgeschichten die Angst vor dem unabwendbaren Lebensende wider. Eng damit verbunden ist die Sorge, dass an das Leben kein paradiesisches Jenseits anschließt. Von Zorn getriebene Rachegeister oder Gespenster, die leidvoll an den Ort ihres Todes gebunden bleiben, lassen sich auch als Ausdruck der menschlichen Angst deuten, dass eine qualvolle Existenz nicht durch den Tod endet, sondern eine noch viel schlimmere Fortsetzung findet.

All diese Ausführungen gelten aber nur für Horrorgeschichten, in denen tatsächlich übernatürliche Totengeister ihr Unwesen treiben. Aber das ist nicht bei allen Geschichten der Fall, die sich im weitesten Sinne um den Themenkomplex „Gespenster“ drehen. Ob in den Schauergeschichten der Aufklärung oder den Zeichentrickserien des 20. Jahrhunderts: Das vermeintliche Gespenst, dem man dann das Laken vom Kopf reißt, taucht in zahlreichen Erzählungen auf. Wieder andere Geschichten lassen offen, ob vermeintliche Spukerscheinungen tatsächlich auf ein Gespenst zurückzuführen sind oder nur der überspannten Fantasie eines ängstlichen Protagonisten entspringen. Und dann gibt es natürlich jene Filme, Novellen und Romane, in der eindeutig echte Totengeister Angst und Schrecken verbreiten.

 

Was ist eigentlich eine Gespenstergeschichte?

Die Frage erscheint zunächst überflüssig, da die Antwort so einfach wie nachvollziehbar wirkt. Und Definitions-Puristen, die gern alles in klar abgrenzbare Schubladen stecken, reicht folgende Definition wahrscheinlich vollkommen aus:

Eine Gespenstergeschichte ist eine Erzählung, in der ein Gespenst eine zentrale Rolle spielt.

So einfach lässt sich die Gespenstergeschichte meiner Meinung nach aber nicht erklären. Denn diese Definition setzt voraus, dass man in Gespenstergeschichten immer deutlich erkennen kann, dass dort der Geist eines Verstorbenen herumspukt. Was aber, wenn sich in einer Geschichte der vermeintliche Geist nie sichtbar manifestiert? Die Spukerscheinungen (knarrende Türen, einstürzende Gebäude, Herzinfarkt der Heimgesuchten usw.) sich auch durch natürliche Vorkommnisse erklären ließen, ihre massive Häufung aber unnatürlich wirkt? Woran will man dann festmachen, ob es sich um eine Gespenstergeschichte handelt oder nicht?

Dasselbe gilt für all jene Geschichten, in denen die Eindrücke der Hauptfiguren zweifelhaft wirken. Wenn die Figur, aus deren Sicht erzählt wird, Panik und Angst durchlebt oder gar unter psychischen Störungen leidet, ist für den Leser oft nicht nachvollziehbar: Existiert in der Geschichte tatsächlich ein Gespenst oder sind das nur Fantasien bzw. Wahnvorstellungen? Auf solche Geschichten lässt sich obige Definition nicht anwenden, da man weder mit Gewissheit bestätigen kann, dass in ihnen ein Geist auftritt, noch es vollkommen ausschließen kann.

Dann gibt es noch jene Geschichten, in denen nur scheinbar ein Gespenst auftritt, schließlich die Spukerscheinungen aber auf natürliche Phänomene oder verkleidete Schurken zurückgeführt werden. Und obwohl in diesen Geschichten also nachweislich keine Totengeister vorkommen, sind sie dennoch häufig Bestandteil von Gespenster-Anthologien. Der Grund dafür ist folgender: Auch wenn diese Erzählungen nicht von echten Geistern handeln, nutzen sie dennoch oft ähnliche Settings und Motive wie echte Geistergeschichten, um Spannung und Grusel zu erzeugen.

Im Nachwort der Anthologie Gespenstergeschichten schlägt der Literaturwissenschaftler Dietrich Weber daher folgende Merksätze zur Klassifizierung von Gespenstergeschichten vor:

Gespenstergeschichte ist eine Geschichte, die es – dem Motiv nach – mit Gespenstern

oder Gespenstischen zu tun hat.

Es gibt drei grundlegende Arten der Gespenstergeschichte: die unechte, die phantastische und die mysteriöse.

Als literarische Form gibt es die Gespenstergeschichte seit der Aufklärung. Einige ihrer Varianten stehen zur Aufklärung in einem gespannten Verhältnis.

Das Motiv der Gespenstergeschichte ist ernst. Die Motivbehandlung schließt selbst den Scherz mit ein.1Dietrich Weber: „Nachwort: Kleine Logik der Gespenstergeschichte“. In: Gespenstergeschichten. Hrsg. v. Dietrich Weber. Augsburg: 1997. S. 509.

Diese Merksätze erscheinen mir weitestgehend stimmig, auch wenn es im letzten Satz heißen müsste: „Die Motivbehandlung kann den Scherz miteinschließen“. Obgleich das Motiv des Totengeistes an sich ernst ist, ist es selbstverständlich möglich, humoristische Geistergeschichten zu schreiben. Das ist aber kein Muss!

Drei Gespenster-Figuren, die lustige Grimassen schneiden
Auch wenn es auf dieser Seite in erster Linie um Gespenster in Horrorgeschichten geht, muss man ganz klar herausstellen, dass nicht jede Gespenstergeschichte dem Horror-Genre zugeordnet werden kann. Diese drei Geister beispielsweise wären in einer lustigen Kindergeschichte mit Sicherheit besser aufgehoben.

 

Klassifizierung von Gespenstergeschichten nach Weber

Auf die Wurzeln der Geistergeschichte im 18. Jahrhundert bin ich bereits im ersten Teil dieser Serie eingegangen. Als Bestandteil von Sagen und Legenden spielten Geister in Erzählungen seit jeher eine Rolle. Aber als feste Literaturform, die von bestimmten wiederkehrenden Motiven und Themenkomplexen geprägt ist, kristallisiert sich die Gespenstergeschichte erst seit dem Zeitalter der Aufklärung heraus. Dabei lassen sich zwei Strömungen erkennen: Zum einen Gespenstergeschichten als Gegenreaktion zu der von Rationalität geprägten Aufklärung. Die Menschen sind gerade in Zeiten, in denen Rationalität gefordert wird, vom Übernatürlichen und Unerklärlichen fasziniert (das gilt bis heute). Auf der anderen Seite gibt es eben auch jene aufklärerischen Geschichten, in denen das Übernatürliche praktisch aus „erzieherischen“ Gründen entlarvt wird. Das vermeintliche Gespenst ist in Wirklichkeit gar keines.

Nachfolgend die drei laut Dietrich Weber grundlegenden Arten der Gespenstergeschichte kurz zusammengefasst:

  • Die unechte Gespenstergeschichte: Zu Beginn beschreibt sie meist Erscheinungen, die auf einen Spuk hinweisen, aber gegen Ende der Geschichte stellt sich heraus, dass es für alles eine rationale Erklärung gibt. Lichterscheinungen werden auf physikalische Phänomene wie das Polarlicht zurückgeführt, das geisterhafte Rasseln und Stöhnen auf den Wind – oder das Gespenst ist schlicht ein verkleideter Mensch.
  • Die phantastische Gespenstergeschichte: Bei dieser Geschichte ist „phantastisch“ nicht als Werturteil zu verstehen, dass die Geschichte besonders gut ist. Vielmehr geht es darum, dass das Beschriebene insofern phantastisch ist, dass es nicht mit unserer Wirklichkeit vereinbar ist. Die meisten als klassisch empfundenen Geistergeschichten sind daher „phantastische Gespenstergeschichten“. In ihnen wirken echte Totengeister, die sich jeder Erklärung durch die Naturwissenschaften entziehen.
  • Die mysteriöse Gespenstergeschichte: Die mysteriöse Gespenstergeschichte ist in dem Sinne „mysteriös, also nicht zu durchschauen, dass man nicht mit Gewissheit sagen kann, ob eine unechte oder phantastische Geschichte vorliegt. Viele Romane und Filme lassen es zunächst offen, ob die Spukerscheinungen tatsächlich existieren, liefern aber dann am Ende eine explizite Erklärung: entweder durch entlarvende Erklärung aller Vorkommnisse oder das finale Auftreten des Totengeistes. Einige wenige Geschichten erlauben aber bis zum Ende verschiedene Deutungen. Sie liefern bis zuletzt keine klare Antwort darauf, ob tatsächlich ein Geist hinter den seltsamen Vorkommnissen steckt. Und genau bei diesen Geschichten handelt es sich um mysteriöse Gespenstergeschichten“.


Ein Paradebeispiel für solch eine mysteriöse Geschichte ist Guy de Maupassants Novelle Der Horla. In dieser fühlt sich der Ich-Erzähler durch ein Wesen bedroht, das er „Horla“ nennt. Der Erzähler unternimmt im Verlaufe der Geschichte einige Tests, um sich zu vergewissern, ob ihn tatsächlich ein unsichtbares Wesen heimsucht. Dabei stellt er fest, dass seine Wasserkaraffen plötzlich leer sind, obwohl er allein in der Wohnung war. Im Laufe der Geschichte wird der Erzähler immer misstrauischer und paranoider. Für den Leser ist hierbei nicht nachvollziehbar, ob ein unsichtbarer Besucher den Protagonisten auf perfide Weise in den Wahnsinn treibt oder dieser von Anfang an paranoiden Wahnvorstellungen erliegt.

Ein weiteres populäres Beispiel für eine mysteriöse Gespenstergeschichte ist der Film Blair Witch Project aus dem Jahre 1999. In diesem wollen drei Studenten eine Dokumentation über die sogenannte Hexe von Blair drehen. Im Verlaufe des Films erkunden sie schließlich den Black Hills Forest, in dem die Hexe früher gelebt haben soll. Als sie feststellen, dass sie sich in dem riesigen Waldgebiet verirrt haben, bereitet sich zunehmend Panik unter den Studenten aus. Dieser erste Teil unterscheidet sich insofern von der Fortsetzung Blair Witch“, dass er noch offen lässt, ob der rachehungrige Geist einer Hexe nachts die Studenten terrorisiert oder ob diese in ihrer Angst und ausgezehrt durch Marsch und Hunger allmählich eine Gruppenhysterie entwickeln.

Unterschiedliche Arten von Gespenstergeschichten nach Brittnacher

Der Phantastik-Experte Hans Richard Brittnacher widmet in seinem literaturwissenschaftlichen Standardwerk „Ästhetik des Horrors“ dem Gespenst ein eigenes Kapitel.2Vgl. Hans Richard Brittnacher: „Ästhetik des Horrors“. Frankfurt am Main: 1994. S. 25 bis 115. Er unterscheidet wie Weber zwischen unechten und echten Geistergeschichten. Dabei verwendet er zur Klassifizierung von Gespenstergeschichten folgende Begriffe:

                      • Das Explained Supernatural
                        • Das Phantom als Phantasma
                      • Das Gespenst als geisterhafter Erscheinung

Das Explained Supernatural hierbei praktisch der Obergriff für übernatürlich Wirkendes, das im Verlauf der Geschichte erklärt wird. Das Phantasma steht diesem Begriff nicht gegenüber, sondern ist eine spezielle Ausprägung des Explained Supernatural, die das vermeintlich Übernatürliche als Ausdruck psychischer Überspanntheit interpretiert. Echte Gespenstergeschichte im engeren Sinne sind nur jene Geschichten, in denen auch tatsächlich eine geisterhafte Erscheinung auftritt.

 

Explained Supernatural – der Bösewicht unterm Laken

Das „Explained Supernatural – also das „erklärte Übernatürliche“ – nimmt der Geistergeschichte etwas von ihrem Schrecken, indem der vermeintliche Spuk nachträglich eine rationale Erklärung erfährt. Gängiges Motiv ist dabei der verkleidete Bösewicht, der seine Umwelt absichtlich terrorisiert, indem er ihnen einen Spuk vortäuscht. In seinen Ausführungen konzentriert sich Brittnacher vor allem auf die Zeit der Aufklärung. Und das ist auch kein Wunder, denn in den Geschichten der Aufklärung und auch in den frühen Gothic Novels war dieses Motiv überaus verbreitet.

Mit etwas Fantasie kann man sich nur zu gut vorstellen, wie übel den Schriftstellern der Aufklärung der plötzliche Boom der Gespenstergeschichten aufstoßen musste. Da bemühten sie sich um eine Gesellschaft, frei von Aberglauben, die vernunftbasiert handeln sollte … und was passierte? Die Menschen verschlangen massenhaft Geistergeschichten, um sich bei Schauermärchen über Gespenster und verwunsche Schlösser zu gruseln. Und einige Aufklärer schrieben dann eben eigene „Gespenstergeschichten“, bedienten dabei durchaus einige der beliebten Konventionen, nur um am Ende herauszustellen, dass der Glaube an Geister ausgemachter Blödsinn ist!

In Johann Peter Hebels 1807 verfasster Geschichte „Das wohlbezahlte Gespenst verkleidet sich beispielsweise ein wütender Bauer nachts als Gespenst, um auf diese Weise zu verhindern, dass die Besucher des nahegelegenen Kirchhofs eine Abkürzung über seinen Acker nehmen. Das geht so lange für den Bauern gut, bis dieser einem mutigen Reisenden nachsetzt, der nicht gleich in Panik verfällt, sondern auch beim Anblick eines vermeintlichen Gespenstes einen kühlen Kopf bewahrt:

Denn sobald der verfolgte Ehrenmann das Gespenst auf dem Acker erblickte, dachte er bey sich selber: Ein rechtes Gespenst muß wie eine Schildwache auf seinem Posten bleiben, und ein Geist, der auf den Kirchhof gehört, geht nicht aufs Ackerfeld. Daher bekam er auf einmal Muth, drehte sich schnell um, faßte die weisse Gestalt mit fester Hand, und merkte bald, daß er unter einem Leintuch einen Burschen am Brusttuch habe […]. Er fieng daher an, mit der andern Faust auf ihn loszutrommeln, bis er seinen Muth an ihm gekühlt hatte, und da er vor dem Leintuch selber nicht sah, wo er hinschlug, so mußte das arme Gespenst die Schläge annehmen wie sie fielen. Damit war nun die Sache abgethan, und man hat weiter nichts mehr davon erfahren, als daß der Eigenthümer des Gerstenackers ein Paar Wochen lang mit blauen und gelben Zierrathen im Gesicht herum gieng, und von dieser Stunde an kein Gespenst mehr auf dem Kirchhof zu sehen war.3Johann Peter Hebel: „Das wohlbezahlte Gespenst” in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Tübingen: 1811. S. 99–102. Genutzt wurde die digital aufbereitete Version des Deutschen Textarchivs der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. CC BY-SA 2.0 DE.

In einer anderen Geschichte von Hebel mit dem Titel Merkwürdige Gespenstergeschichtemuss ein Reisender des nachts Unterschlupf in einem vermeintlichen Spukschloss suchen. Als gegen Mitternacht eine grauenerregend aussehende Gestalt sein Zimmer betritt, zieht der Reisende reflexartig seine Pistole, woraufhin sich das Gespenst zurückzieht. Dem Helden der Geschichte kommt höchst seltsam vor, dass ein Geist Angst vor einer Schusswaffe haben sollte. Also schleicht er ihm hinterher und findet so schließlich heraus, dass eine Bande von Geldfälschern in dem Schloss ihrem verbrecherischen Werk nachgeht. Den Glauben an Spukerscheinungen nutzen sie aus, um unliebsame Zeugen von ihrem Hauptquartier fernzuhalten.

Die pädagogische Absicht dieser aufklärerischen unechten Gespenstergeschichten ist klar erkennbar. Brittnacher selbst fasst sie folgendermaßen zusammen:

Gespenster, Dunkelmänner und Duckmäuser eint, daß sie lichtscheues Gesindel sind. Fällt das Licht der Aufklärung auf sie, stellen sie sich bloß: die Täter als Betrüger, die Opfer als Feiglinge. Wer der Erscheinung eines Gespenstes aufgesessen ist, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. […] Es wird ihn lehren, in Zukunft keine anderen Gespenster mehr zu sehen und seine Ängste im Dienste einer Innensteuerung seiner Affekte einzusetzen statt zur Ausagierung seines Aberglaubens.4Vgl. Brittnacher: „Ästhetik des Horrors“. S. 68.

Allerdings erfolgt die Auflösung des Spuks keineswegs immer so simpel und handgreiflich wie in den Geschichten Hebels. Einige Jahrzehnte später, nämlich 1841, beweist der Schriftsteller Edgar Allan Poe in seiner Geschichte Der Doppelmord in der Rue Morgue, dass man das Motiv des Explained Supernatural durchaus in einer grusligen Kriminalgeschichte verarbeiten kann, ohne dass der pädagogische Zeigefinger dabei überdeutlich wird. Noch stärker von der Tradition klassischer Geistergeschichten geprägt ist die Sherlock-Homes-Geschichte Der Hund der Baskervilles, in der der Meisterdetektiv das Geheimnis um einen vermeintlichen Geisterhund mit seinem gewohnten Scharfsinn auflöst.

Geschichten, in denen durch die Aufklärung des Übernatürlichen den Menschen die Angst genommen werden soll, sind übrigens auch heute noch beliebt. Allerdings sind inzwischen die meisten Produktionen, die ein „Explained Supernatural“ enthalten, sind nicht auf Erwachsene zugeschnitten, sondern auf Kinder. Das wohl bei weitem populärste Beispiel dafür ist die Zeichentrickserie „Scooby-Doo“. In zahlreichen Episoden wird einem vermeintlichen Spuk nachgeforscht, und fast immer enden die Slapstick-geprägten Folgen mit der Demaskierung eines ganz gewöhnlichen Kriminellen. Der Gedanke hinter diesem Konzept dürfte dem der Aufklärung ähneln: Den jüngeren Zuschauern soll auf diese Weise die Angst vor Geistern, Dämonen und Monstern genommen werden.



Phantasma – Gespenster, die nur in der Einbildung existieren

Wie bereits zuvor angedeutet, handelt es sich bei dem Phantasma um eine Sonderform des Explained Supernatural. Das Übernatürliche wird auch hier negiert und das gespenstisch wirkende Ereignis nachträglich rational erklärt. Allerdings sind es hierbei psychologische Erklärungsmuster, die zum Einsatz kommen. Die unheimlichen Ereignisse werden aufgrund der Empfindsamkeit der Protagonisten oder aufgrund von Wahrnehmungs- oder Persönlichkeitsstörungen als viel bedrohlicher wahrgenommen, als sie tatsächlich sind. Häufig werden entsprechende Geschichten aus Perspektive des jeweiligen Protagonisten erzählt, sodass sich das Gefühl des Unheilvollen auf den Leser überträgt. Denn dieser hat oft keine andere Perspektive auf das Geschehen als die der angstgeplagten Hauptfigur.

Schwarz-Weiss-Skizze, die die Schriftstellerin Ann Radcliffe zeigt
Ann Radcliffe hat in ihren Gothic Novels das Konzept des „eingebildeten Gespenstes“ maßgeblich geprägt. Ihre empfindsamen Frauenfiguren deuten Gespenstisches in Szenen hinein, in denen sich eigentlich gar nichts Übernatürliches ereignet.

Diese Art der Gruselgeschichte war im englischsprachigen Raum sehr viel stärker verbreitet als in Deutschland. Und die in London geborene Schriftstellerin Ann Radcliffe ist unzweifelhaft Vorreiterin, was diese spezielle Ausprägung der Schauererzählung betrifft. Radcliff gehört zusammen mit Matthew Gregory Lewis, Mary Shelly, Bram Stoker oder Charles Robert Maturin zu den bekanntesten Autoren der sogenannten Gothic Novels. Jenen englischen Schauerromanen, in denen Motive wie Tod und Verfall in ästhetisierter Form aufgegriffen wurden und die erstmals die Ängste und Leiden der handelnden Personen ins Zentrum stellten. Das unterscheidet sie von vielen vorangegangenen Gespenstergeschichten, in denen zwar oft Schreckliches passiert, aber man über die Gedanke und Gefühle der Menschen kaum etwas erfährt.

Anders als beispielsweise ein Lewis, der verwesende Leichen, Mord und Vergewaltigung nicht nur andeutet, sondern teilweise auch explizit beschreibt (und damit auch Vorreiter vieler moderner Spielarten des Horrors war), lehnte Radcliffe es ab, Schrecken durch die detaillierte Beschreibung von Grausamkeiten zu erzeugen. Nichtsdestotrotz spielen auch bei ihr tabuisierte Themen wie beispielsweise Inzest eine Rolle. In Radcliffes Geschichten entsteht das Gefühl des Unheimlichen aber noch stärker als in anderen Gothic Novels durch den Fokus auf das Innenleben ihrer Heldinnen. Persönliche Schuld, unheilvolle Ahnung und das Gefühl des Bedrohlichen prägen ihre Figuren.

Bei Radcliffe sind die Hauptfiguren fast immer Frauen, die besonders empfindsam sind und über eine lebhafte Fantasie verfügen. Diese geraten in mysteriöse Ereignisse oder an unheimliche Orte, die sie als stetige Quelle der Gefahr wahrnehmen. Und oft besteht für diese Frauen auch tatsächlich eine echte Gefahr. Alte Schlösser und dunkle Wälder erscheinen dabei als Orte des Übernatürlichen, in denen Geister und Dämonen wirken. Doch die tatsächliche Gefahr ist keine übernatürliche: Am Ende der Romane gibt es meist eine rationale Erklärung, und statt Gespenster stecken Piraten, Schmuggler, finstere Intriganten oder gedungene Mörder hinter den unheimlichen Vorkommnissen. Der Eindruck des Gespenstischen entsteht nur im Kopf der Hauptfigur: Diese muss lernen, ihre Gefühle zu überwinden, um die tatsächliche Gefahr zu erkennen.

Porträt von Matthew Gregory Lewis
Matthew Gregory Lewis beschritt einen anderen Weg als Ann Radcliffe. In seinem Skandal-Roman „Der Mönch“ tritt der Teufel höchstselbst auf. Das Werk wurde in der dritten Auflage zensiert veröffentlicht, da vielen Zeitgenossen die Darstellung (sexueller) Gewalt zu weit ging.

Der Literaturwissenschaftler Zondergeld bezeichnet Radcliffes Neigung zum entmystifizierenden Romanschluss als „schamhafte Verbeugung vor dem Prinzip der Aufklärung5Rein A. Zondergeld: „Lexikon der phantastischen Literatur“. Frankfurt am Main: 1983. S. 200.. Doch was früher gängige Konvention in Gothic Novels war, wirkt auf heutige Leser oft befremdlich. So sehr Radcliffe mit ihrer detaillierten Darstellungen innerer Konflikte überzeugt – da zuvor über zum Teil Hunderte von Seiten ein Gefühl der übernatürlichen Bedrohung geschaffen wurde, wirkt die meist sehr kurze nachträgliche Erklärung seltsam aufgesetzt. Die Romankomposition ist nicht ausbalanciert, weil der Andeutung übernatürlicher Schrecken so viel mehr Raum gewidmet wird als der tatsächlichen Bedrohung.

In der aktuelleren Horrorliteratur hat das Gespenst als Phantasma – also das eingebildete Gespenst – stark an Bedeutung verloren. Wie auch der als Geist kostümierte Verbrecher ist es meist Bestandteil von Produktionen, die auf eine jüngere Zielgruppe abgestimmt sind: Es spielt also beispielsweise in Kinder- und Jugendromanen eine Rolle. Eine totale Negierung des Gespenstischen in moderner Horrorliteratur ist eher selten, da durch sie die unheimliche Wirkung der Geschichte gemindert wird.

Tatsächlich stellen einige Horrorfilme die Vorgehensweise Radcliffes sogar auf den Kopf: Zunächst wird angedeutet, dass die gespenstische Erscheinung nur eine wahnhafte Einbildung der Protagonistin sein könnte. Beispielsweise, indem es neben ihr nie überlebende Zeugen der Geistererscheinungen gibt. Oder indem durch einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt oder die Einnahme von Psychopharmaka die Unzurechnungsfähigkeit der Hauptfigur als wahrscheinlich dargestellt wird. Spätestens im letzten Drittel wirkt der Totengeist aber derart auf Umwelt und Menschen ein, dass sich seine Existenz in keiner Weise mehr leugnen lässt.

Und damit kommen wir schließlich zum eigentlichen Totengeist: dem Gespenst als geisterhafter Erscheinung.

Der erste Candyman-Film (1992) ist ein perfektes Beispiel für einen Horrorfilm, der die Zuschauer lange darüber im Unklaren lässt, ob die Protagonistin tatsächlich von einem Geist heimgesucht wird oder ob sie selbst die dargestellten Gräueltaten begeht und ihre kranke Psyche diese einem Gespenst zuordnet, das nur in ihrer Fantasie existiert.

 

Das echte Gespenst: Geisterhafte Erscheinungen als Bedrohung oder Warnung

Auf die allgemein typischen Merkmale von Geistern un Gespenstergeschichten bin ich bereits im ersten Teil dieser Reihe eingegangen, sodass ich an dieser Stelle lediglich kurz auf die Besonderheiten von Geistererscheinungen in Schauermärchen und der Horrorliteratur eingehen will.

Ein wesentliches Merkmal der meisten echten Gespenstergeschichten, die nach der Aufklärung entstanden, ist folgendes: Totengeister erscheinen in der Horrorliteratur fast immer aus einer für den Menschen nicht direkt erklär- oder beeinflussbaren Regelhaftigkeit oder aus eigenem Antrieb. Die willentliche Herbeirufung eines Geistes spielt im Horrorgenre hingegen kaum eine Rolle!

Das gilt aber, wie gesagt, lediglich für jene Gespenstergeschichten, die sich im weitesten Sinne dem Horrorgenre zuordnen lassen. In alten Volkssagen und in den „unechten” Gespenstergeschichten der Aufklärung sind Geisterbeschwörungen durchaus ab und zu Thema. Frühe Sagen lassen sich aber nicht dem Horrorgenre zuordnen, da ihnen das bewusst gestaltete Element des Irrationalen und Übernatürlichen fehlt. Die Menschen damals glaubten tatsächlich an Geister und Gespenster – es gab noch keine umfassende naturwissenschaftliche geprägte Weltsicht, zu der Gespensterglaube im Widerspruch stand. Vielen dieser Gespenstergeschichten fehlt auch das Erschreckende, da Geister nicht nur negativ dargestellt wurden. Ja, vielmehr ist auch die früher übliche Anrufung bestimmter Schutzheiliger nichts anderes als die willentliche Anrufung eines Geistes, von dem man sich Hilfe erhoffte. Doch der hilfsbereite Schutzgeist, der einem zur Seite steht, eignet sich kaum für grauenerregende Horrorgeschichten.

Seit der Aufklärung existiert zwar so etwas wie ein naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild, zu dem die Gespensterdarstellung im Widerspruch stehen konnte. Doch jene Geschichten, in denen Geisterbeschwörungen durchgeführt werden, lassen sich meist den „unechten” Gespenstergeschichten zuordnen. Ein Beispiel dafür ist Schillers Romanfragment „Der Geisterseher“, in dem die Geisterbeschwörung eines Magiers schnell als manipulative Täuschung enttarnt wird.

In den echten Gespenstergeschichten der Horrorliteratur ist die willentliche Geisterbeschwörung hingegen die absolute Ausnahme. Wer dort aber aus Spaß oder leichtsinniger Neugier einen Geist anruft, obwohl er eigentlich nicht an Gespenster glaubt, oder den Geisterglauben ins Lächerliche zieht, wird für seinen Übermut oft aufs Schlimmste bestraft.

So beispielsweise auch in einer Spukerzählung aus E. T. A. Hoffmanns „Die Serapionsbrüder“. In dieser berichtet der Erzähler Cyprian seinen Freunden von einer unheimlichen Geistererscheinung. Der Geschichte zufolge hatte ein Obrist zwei Töchter. Die jüngere von beiden, Adelgunde, habe eines Abends beschlossen, sich im jugendlichen Überschwang als ein Gespenst aus alten Erzählungen zu verkleiden:

Und damit wickelt sie sich in ihren weißen Shawl und schwebt leichtfüßig fort durch den Laubgang und die Mädchen laufen ihr nach in vollem Schäkern und Lachen. Aber kaum ist Adelgunde an das alte halb eingefallene Gewölbe gekommen, als sie erstarrt – gelähmt an allen Gliedern stehen bleibt. Die Schloßuhr schlägt neun. „Seht ihr nichts“, ruft Adelgunde mit dem dumpfen hohlen Ton des tiefsten Entsetzens, „seht ihr nichts – die Gestalt – die dicht vor mir steht – Jesus! – sie streckt die Hand nach mir aus – sehr ihr denn nichts?“ – Die Kinder sehen nicht das mindeste, aber alle erfasst Angst und Grauen. Sie rennen fort, bis auf eine, die die Beherzteste sich ermutigt, auf Adelgunde zuspringt, sie in die Arme fassen will. Aber in dem Augenblick sinkt Adelgunde todähnlich zu Boden.6Vgl. E.T.A Hoffmann: „Aus: Die Serapionsbrüder“ In: Gespenstergeschichten. Hrsg. v. Dietrich Weber. Augsburg: 1997. S. 93.

Adelgunde ist nur bewusstlos. Als sie wieder erwacht, erzählt sie ihrer Familie, dass sie eine „eine luftige Gestalt, wie in Neben gehüllt gesehen habe“7E.T.A Hoffmann: „Aus: Die Serapionsbrüder“ In: Gespenstergeschichten. S. 93., die die Hand nach ihr ausstreckte. Ihre Eltern vermuten, dass das Dämmerlicht des Abends Adelgunde einfach einen Streich gespielt hat und lassen die Sache auf sich beruhen. Doch die folgenden Abende packt Adelgunde jedes Mal um 9 Uhr eine entsetzliche Angst und sie glaubt, dass ihr wieder das Gespenst erscheint und nach ihr greift. Die Eltern fürchten, dass das Mädchen wahnsinnig geworden ist und lassen es aus Scham nicht mehr an dem gemeinsamen Abendessen teilnehmen. Die einst so lebhafte Adelgunde wird infolgedessen immer introvertierter und beteiligt sich kaum noch an Gesprächen.

„Die Serapionsbrüder“ ist eine Sammlung von Aufsätzen und Geschichten E.T.A. Hoffmanns und wurde inzwischen auch als Hörbuch vertont. Das obige Video startet direkt bei der Erzählung, um die es hier geht.

Schließlich rät ein Arzt der Familie, doch einfach die Uhren eine Stunde zurückzustellen. Wenn dann die 9. Stunde vorüberginge, ohne dass sich ein Geist zeigt, müsse Adelgunde einsehen, dass ihr kein an seltsame Gesetzmäßigkeiten gebundener Geist folge, sondern sie sich das alles nur einbilde. Als die Familie diesen Rat in die Tat umsetzt, schreckt Adelgunde dennoch zur gewohnten Zeit auf, obwohl die Uhren erst die 8. Abendstunde zeigen. Vor den Augen aller Anwesenden lässt das Gespenst einen Teller in der Luft schweben. Die Obristin fällt daraufhin in eine fiebrige Ohnmacht, erkrankt und stirbt innerhalb weniger Tage. Auch die ältere Schwester Auguste wird beim Anblick dieses Spuks ohnmächtig, erholt sich jedoch zumindest körperlich. Doch nach ihrem Erwachen zeigt sich, dass sie vollends wahnsinnig geworden ist: Auguste hält sich fortan für den unsichtbaren Geist und traut sich kaum ein Geräusch zu machen. Denn sie ist fest davon überzeugt, dass dies den anderen ihre gespenstische Anwesenheit verraten würde und wenn man sie wahrnehme, müsse man sterben.

Hoffmanns Erzählung ist ein hervorragendes Beispiel für eine Gespenstergeschichte, in der der Geist nicht willentlich herbeigerufen wird und Zweifel an der Existenz des Gespenstes schwerste Konsequenzen nach sich zieht. Zudem folgt in ihr der Geist einer seltsamen Gesetzmäßigkeit, die sein Erscheinen bestimmt: In diesem Fall wird er stets zur selben Uhrzeit für Adelgunde sichtbar.

Örtliche und zeitliche Gebundenheit: Typische Merkmale von Geistererscheinungen

Und diese Merkmale sind bis heute überaus typisch für Gespenstergeschichten und -filme: Im Film „The Ring“ erscheint jenen Menschen ein todbringender Geist, die ein bestimmtes Video anschauen. Das Ganze ist als Urban Legend bekannt, dennoch hält das viele nicht ab, das Video trotzdem zu schauen. Ihnen allen erscheint der Geist genau 7 Tage, nachdem sie das Video geschaut haben. Überhaupt ist eine zeitliche Regelmäßigkeit sehr häufiges Merkmal von Geistergeschichten. Aus gutem Grund nennt man die Zeit um Mitternacht daher auch „Geisterstunde. Diese Zeit markiert markiert den Übergang zwischen zwei Kalendertagen. Und so ist es nur passend, dass um Mitternacht oft Gespenster erscheinen, die ja selbst in einer Art Übergangswelt existieren. Doch auch örtliche Gebundenheit zeichnet zahlreiche Geistererscheinungen aus: Das gilt für die Gespenster des Overlook-Hotels in Stephen Kings „Shining“ ebenso wie für zahlreiche nachfolgende Horrorfilme: Beispielhaft seien an dieser Stelle die FilmeThe Amityville Horror und The Conjuring8Erst beim Schreiben dieses Artikels ist mir aufgefallen, wie unpassend der Titel „The Conjuring“ eigentlich ist. Denn „beschworen wird der übernatürliche Widersacher dort nicht. Und auch wenn in diversen Filmkritiken von „Dämonen die Rede ist, handelt der Film strenggenommen von Geistern. genannt. Der Geist in Die Frau in Schwarz ist hingegen nicht an ein bestimmtes Gebäude, aber zumindest an eine bestimmte Region gebunden. In „The Grudge“ hingegen folgen die Rachegeister wiederum einer für Sterbliche nicht unmittelbar ersichtlichen Gesetzmäßigkeit: Sie suchen nur jene Menschen heim, die zuvor den Ort ihres Todes betreten haben.

Die örtliche Gebundenheit vieler Geistererscheinungen spiegelt sich in unzähligen Filmen über Geisterhäuser wider. Dem Motiv des Spukhauses werde ich im 3. Teil meiner Gespensterreihe ein eigenes Kapitel widmen. 

Nachfolgend eine kurze Auflistung typischer Kennzeichen von Geistererscheinungen in Grusel- und Horrorgeschichten. Diese soll nur einen ersten Eindruck vermitteln, denn auf die typischen Motive von Gespenstergeschichten werde ich noch ausführlich im dritten und letzten Teil dieser Reihe eingehen:

  • In Horrorgeschichten werden Totengeister fast nie mit Absicht herbeibeschworen. Stattdessen kennzeichnet fast immer eine der folgenden drei Bedingungen das Erscheinen des Geistes in der stofflichen Welt:
    • Der Geist erscheint aus eigenem Antrieb – beispielsweise, um Rache zu nehmen, Angehörige zu warnen, ein Versprechen einzulösen, Rache zu nehmen oder einen Geliebten heimzusuchen.
    • Die Entstehung des Geistes resultiert aus bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die den Protagonisten oft zunächst nicht klar sind: beispielsweise dem Tod an einem verfluchten Ort, einem Gefühl der Enttäuschung des Hasses oder der Schuld beim Sterbenden, der Schändung eines geweihten/heiligen Ortes.
    • Das Gespenst erscheint als Reaktion auf eine fehlerhafte oder nicht ernstgenommene Beschwörung oder angesichts des Zweifels an seiner Existenz.
  • Nachdem das Gespenst in Erscheinung getreten ist (sei es als warnende Instanz oder als Bedrohung), folgen ihm entweder Tod oder Wahnsinn. Es ist immer ein Zeichen der Gefahr für jene, die es wahrnehmen.
  • Wie die Entstehung des Geistes unterliegt oft auch das Handeln des Geistes häufig bestimmten Gesetzmäßigkeiten: Er erscheint stets zur selben Zeit, sein Wirken ist auf einen bestimmten Ort beschränkt oder er vollführt immer dieselben Handlungen (in Hoffmanns Geschichte streckt er beispielsweise immer die Hand nach Adelgunde aus)

Dass die willentliche Anrufung von Gespenstern in Horrorgeschichten so selten eine Rolle spiele, hängt laut Brittnacher mit der Konzeption der Gespenstergeschichten zusammen: Sie sollen einen Fatalismus vermitteln: Die Dinge sind, sobald sie einmal ins Rollen gebracht wurden, unausweichlich. Der Mensch kann ihnen nichts entgegensetzen. Das Gespenst folgt seinen eigenen Regeln, es vollzieht seinen Spuk zur gewohnten Zeit oder an gewohntem Ort. Der Wille des Menschen hat darauf nur selten Einfluss, so wie auch das Erscheinen des Geistes meist nicht willentlich herbeigeführt wird. Damit sind wir wieder beim Gespenst als Symbol des Unausweichlichen. Der Mensch ist seinem körperlichen und geistigen Verfall schutzlos ausgeliefert. Er kann ihn hinauszögern, aber niemals aufhalten!

Die willentliche Herbeirufung übernatürlicher Wesen lässt sich hingegen in einem anderen Bereich des Horrorgenres finden. Nämlich dort, wo die fatalen Folgen selbstbestimmten Handelns und rücksichtslose Taten wider besseren Wissens sehr viel häufiger thematisiert werden: In den Geschichten um Dämonen und satanische Mächte. Diese drehen sich stärker um Themen wie Versuchung und moralischen Verfall, denn dort hatten die Menschen eine Wahl. Doch sie haben sich bewusst für die Anrufung einer Kraft entschieden, die sie und andere in Gefahr bringen kann.

Die Klassifizierung von Gespenstergeschichten in „echte und „unechte sagt nichts über das Genre aus

Wenn man den Begriff Gespenstergeschichteetwas weiter fasst (und dafür gibt es gute Gründe), dann kann man sie in drei Hauptgruppen unterteilen. Diese unterscheiden sich jeweils dadurch, ob das Gespenstische in ihnen nachweisbar auf einen Totengeist zurückzuführen ist, eine ganz natürliche Erklärung findet oder gar nicht erklärt wird und im Mysteriösen verbleibt. Die untenstehende Grafik fasst dieses Klassifikationsmodell noch einmal zusammen.

Diagramm zur Unterteilung echter und falscher Gespenstergeschichten 

Was dieses Modell aber nicht erlaubt, ist die Zuordnung zu einem bestimmten Genre. „Phantastische Gespenstergeschichtenkönnen ebenso gut lustige Kindergeschichten sein wie furchteinflössende Horrorschocker. Je nach Schwerpunktsetzung und Darstellung der Ereignisse ist die „unechte Gespenstergeschichteentweder ein spaßiges Jugendbuch, eine Kriminalgeschichte oder intensiver Psychohorror. Und bei der mysteriösen Gespenstergeschichte sind die Grenzen zwischen Drama und Horrorgeschichte mitunter fließend.

Entscheidend dafür, ob eine Geschichte über Geister dem Horrorgenre zugeordnet werden kann, ist also nicht allein, ob dort echte Totengeister wirken. Vielmehr muss man auch das Thema, die verwendeten Motive und die Motivgestaltung berücksichtigen. Denn wenn das Motiv einer Gespenstergeschichte die Rache aus dem Jenseits ist und die Motivgestaltung auch explizite Gewaltdarstellung beinhaltet, lässt sich schon sehr klar ausschließen, dass es sich um eine warmherzige Komödie in der Tradition des freundlichen Geistes Casper handelt.

Im nächsten Teil dieser Gespensterreihe werden wir daher die falschen und lustigen Gespenster endgültig hinter uns lassen. Thema werden dann vielmehr die gängigen Motive in Gespenstergeschichten des Horrors sein. Bis dahin gibt es zur Erholung ein kurzes Video mit dem oben erwähnten Casper, das deutlicher als Tausend Worte zeigt, dass ein Totengeist allein noch keinen Horrorfilm macht.


Literaturverzeichnis

  • Brittnacher, Hans Richard: „Ästhetik des Horrors“. Frankfurt am Main: 1994.
  • Hebel, Johann Peter: „Das wohlbezahlte Gespenst in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Tübingen: 1811. S. 99–102. Genutzt wurde die digital aufbereitete Version des Deutschen Textarchivs der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. CC BY-SA 2.0 DE.
  • Hoffmann, E. T. A : „Aus: Die Serapionsbrüder“ In: Gespenstergeschichten. Hrsg. v. Dietrich Weber. Augsburg: 1997. S. 86–99.
  • Weber, Dietrich: „Nachwort: Kleine Logik der Gespenstergeschichte“. In: Gespenstergeschichten. Hrsg. v. Dietrich Weber. Augsburg: 1997. S. 484–512.
  • Zondergeld, Rein A.: „Lexikon der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: 1983.

Bildnachweise

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