Rezension: Gou Tanabes „Der Schatten aus der Zeit”

Coverbild der Carlsenausgabe von Gou Tanabes Lovecraft-Adaption "Der Schatten aus der Zeit"

Mit seiner Adaption von „Der Schatten aus der Zeit“ gelingt dem Japaner Gou Tanabe etwas, an dem viele Filmschaffende und Comic-Zeichner gescheitert sind: die Neuinterpretation einer Lovecraft-Geschichte, die tatsächlich den Geist des Originals atmet.

Es gibt inzwischen unzählige Filme und Comics, die entweder direkte Adaptionen der Horrorgeschichten Lovecrafts sind oder sich zumindest typischer Lovecraft-Motive bedienen. Doch kaum eine Adaption schafft es, das schleichende Grauen einzufangen, das so viele lovecraft‘sche Geschichten prägt.

Das gilt insbesondere für jene Adaptionen, die Lovecrafts Cthulhu-Mythos aufgreifen: In seiner eigens geschaffenen Kosmologie nutzt Lovecraft uralte außerirdische Kreaturen als Kontrastfiguren, um die Bedeutungslosigkeit der kurzlebigen Menschheit darzustellen. Allein der Anblick dieser Wesen reicht oft schon, um Lovecrafts vom Forscherdrang besessene Protagonisten in den Wahnsinn zu treiben.

Und genau da liegt das Problem bei der visuellen Umsetzung: Wie soll man etwas darstellen, das den menschlichen Verstand übersteigt? Allzu oft werden Lovecrafts Mythoskreaturen in Filmen, Videospielen oder Comics daher zu zwar überaus ekligen, aber im Grunde bezwingbaren Tentakelmonstern degradiert. Die psychologische Komponente, dass sie die Machtlosigkeit des Menschen illustrieren, wird dabei fast immer vernachlässigt.

Gou Tanabe hingegen konzentriert sich gerade auf die psychische Entwicklung seines Protagonisten. Und genau dadurch schafft er es, in seinem Manga „Der Schatten aus der Zeit” eindrucksvoll die Atmosphäre des Originals einzufangen.

Peaslee durchstreift in Gou Tanabes Manga "Der Schatten aus der Zeit" die Stadt der großen Rasse von Yith.
Die Isolation des Professors Peaslee verdeutlicht Tanabe immer wieder in großen Architektur- und Landschaftszeichnungen, in denen die Hauptfigur klein und verloren wirkt.

 

Zum Inhalt von Gou Tanabes „Der Schatten aus der Zeit”

Bis auf wenige Änderungen ist die Rahmenhandlung in Tanabes „Der Schatten aus der Zeit” mit der in Lovecrafts gleichnamiger Vorlage identisch. Die Ausgangssituation ist folgende:

Nathaniel W. Peaslee ist Professor an der Miskatonic Universität in Arkham und unterrichtet dort Volkswirtschaftslehre. Er erklärt seinen Studenten gerade die Sonnenflecken-Theorie des Ökonom William Stanley Jevons, als er urplötzlich das Bewusstsein verliert. Als Peaslee erwacht, befindet er sich nicht mehr im Vorlesungsraum der Universität, sondern bei sich zu Hause. Durch seinen Sohn Wingate und die ihn behandelnden Ärzte erfährt er, dass seit jenem Vorlesungstag fünf Jahre vergangen sind! Er sei in diesen Jahren jedoch keineswegs bewusstlos oder im Koma gewesen. Vielmehr hätte er sich in kurzer Zeit wieder von seiner Bewusstlosigkeit erholt und ein aktives Leben geführt.

Studierender Professor Peaslee in Gou Tanabes Manga "Der Schatten aus der Zeit"
Peaslee betrachtet ein Foto von sich, das ihn in jenen Jahren zeigt, an die er sich nicht mehr erinnert.

Professor Peaslee selbst erinnert sich jedoch nicht an diese fünf Jahre. Seine letzte Erinnerung ist die an eben jene Vorlesungsstunde. Allerdings hätten Peaslees Familie und seine Bekannten nach der Bewusstlosigkeit eine tiefgreifende Charakterveränderung an ihm festgestellt. Aus diesem Grund hätte sich schließlich auch seine Frau von ihm getrennt. Seine Tochter und sein ältester Sohn hätten ebenfalls dauerhaft den Kontakt abgebrochen.

Der einzige, der noch Kontakt zu Peaslee hält, ist sein jüngster Sohn Wingate. Dieser klammerte sich beharrlich an der Hoffnung, dass irgendwann die alte Persönlichkeit seines geliebten Vaters zurückkehren würde. Ärzte und Psychologen diagnostizierten Peaslee eine psychische Störung, die bei ihm zu einer sekundären Persönlichkeit geführt hätte. Diese hätte die alte Persönlichkeit über Jahre verdrängt. Dem Professor bleibt zunächst nichts anderes, als diese Erklärung hinzunehmen.

Doch als ihn schließlich erschreckend realistische Träume von riesigen, prähistorischen Städten und monströsen kulturschaffenden Kreaturen plagen, beschließt der Professor nachzuforschen, ob es in der Vergangenheit ähnliche Fälle eines jahrelangen Erinnerungsverlust und damit verbundenen Alpträumen gab …

Meine Bewertung des Mangas „Der Schatten aus der Zeit

Gou Tanabe ist ein alter Hase, was Lovecraft-Adaptionen betrifft. Die Kurzgeschichte „Der Außenseiter” setzte er bereits 2007 zeichnerisch um, seitdem folgten viele weitere Lovecraft-Mangas. Inzwischen sind mehrere seiner Werke in deutscher Übersetzung beim Carlsen Verlag erschienen – so auch „Der Schatten aus der Zeit“.

Zeichnerisch überzeugt Tanabe durch einen realistisch gehaltenen, außerordentlich detailreichen Stil, der geprägt ist von harten, klaren Linien. Damit schafft er die zeichnerische Entsprechung zu Lovecrafts Stil, der seine kosmischen Grauen fast immer in eine realistisch anmutende Umgebung einbrechen lässt. Wie bei Lovecraft üblich erschließt sich das ganze Ausmaß des Grauens aber nur Einzelpersonen – dabei insbesondere natürlich Professor Peaslee. Dieser Ansatz unterscheidet Tanabes Horror-Mangas von denen seines bekannteren Kollegen Junji Itō, der in grauenhaft-surrealen Zeichnungen Schrecken darstellt, die sich oft auf ganze Gruppen oder Städte ausweiten.

Was die inhaltliche Umsetzung betrifft, bleibt Tanabe äußerst nah am Original: Konzept und Rahmenhandlung sind fast 1 zu 1 der Vorlage entnommen. Dennoch ist Tanabes „Der Schatten aus der Zeit” keine reine Kopie. Denn das Original ist von den gedanklichen Monologen Nathaniel Peaslees geprägt. Für eine interessante visuelle Umsetzung braucht es allerdings Interaktion. Und so weitet Tanabe die Rollen einiger Figuren deutlich aus. Das betrifft vor allem die Figuren Wingate Peaslee und den später auftretenden Professor Dyer. Das tut dem Manga insofern gut, dass die Nebenfiguren in Lovecrafts Werk meist außerordentlich unterentwickelt sind. Doch gerade die familiäre Tragik die sich aus dem unerwarteten Gedächtnisverlust des Protagonisten ergibt, hätte eine ausführlichere Darstellung verdient.

Tanabe arbeitet Haupt- und Nebenfiguren charakterlich etwas stärker heraus, als Lovecraft es getan hat, und baut gleichzeitig zusätzliche Verweise zur Geschichte „Berge des Wahnsinns” in seine Story ein. Was die Charakter- und Beziehungsdarstellungen betrifft, hätte ich mir allerdings noch einen Ticken mehr gewünscht. Tanabe leistet diesbezüglich mehr als sein Vorbild, dennoch bleiben die Figuren teilweise etwas blass.

Alles in allem gehört Gou Tanabes „Der Schatten aus der Zeit” aber sicherlich zu den besten Lovecraft-Adaptionen, die man auf dem Markt finden kann. Insbesondere, wer eine möglichst originalgetreue Comic-Umsetzung von Lovecrafts Werken sucht, kann hier bedenkenlos zugreifen.

Die deutsche Version des Carlsen-Verlages von Tanabes "Der Schatten aus der Zeit"
Die deutsche Übersetzung von Gou Tanabes „Der Schatten aus der Zeit” ist beim Carlsen Verlag erhältlich.

Fazit zu Gou Tanabes „Der Schatten aus der Zeit”

Mit „Der Schatten aus der Zeit” hat Gou Tanabe eine visuell beeindruckende Adaption des gleichnamigen Lovecraft-Klassikers geschaffen. Die Konzentration auf das psychische Leiden der Hauptfigur Nathaniel Peaslee und der realistische, von klaren Linien dominierte Zeichenstil sorgen für eine unheimliche Atmosphäre, die der des Originals entspricht. Protagonist und Nebenfiguren arbeitet Tanabe charakterlich zwar stärker heraus als Lovecraft, dennoch erbt er durch die Werktreue auch einige Schwächen des Originals. Abseits von Forscherdrang und nagenden Zweifeln bleiben die Figuren daher weiterhin etwas blass. Die der Geschichte zugrundeliegende Idee kann aber auch heute noch faszinieren. Und wer ruhigen, eher psychologischen Horror schätzt oder eine Lovecraft-Adaption sucht, die diesem Namen auch tatsächlich gerecht wird, der kann bei diesem und anderen Tanabe-Mangas bedenkenlos zugreifen.

 

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Titel: DER SCHATTEN AUS DER ZEIT. Meisterwerke von H.P. Lovecraft
Originaltitel: TOKI O KOEU KAGE LOVECRAFT KESSAKUSHU Vol 1,2
Autorin: Gou Tanabe
Übersetzerin: Jens Ossa
Verlag: Carlsen Verlag
ISBN-13: 978-3551728302
Format: Softcover
Seitenanzahl: 320 Seiten
Erschienen: Mai 2021 | Erstveröffentlichung: September 2018



Autor: Marius Tahira

Blogger und hauptsächlich Verantwortlicher der Website marius-tahira.de, auf der er sich den Genres Horror, Dystopie und Thriller widmet. Nach einer Verlagsausbildung und seinem Germanistikstudium war er lange Zeit im Lektorat tätig und arbeitet nun im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

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