Filmkritik: The Vigil – die Totenwache

Filmposter zu "The Vigil - die Totenwache": ann mit Kerze vor dämonischem Schatten

Die Zahl an Horrorfilmen, in denen im Namen Christi mit Kruzifix und Weihwasser Dämonen ausgetrieben werden, ist Legion! Deutlich seltener allerdings sind Filme, in denen sich Vertreter des jüdischen Glaubens gegen einen übernatürlichen Widersacher behaupten müssen. Keith Thomas‘ handwerklich solider, aber inszenatorisch wenig innovativer Debütfilm ist eine dieser Ausnahmen. Zentrales Motiv von „The Vigil“ ist die Tradition der jüdischen Totenwache. Während einer solchen Totenwache wird der Protagonist Yakov nicht nur mit einem Dämon namens Mazik konfrontiert, sondern er muss sich darüber hinaus auch mit seinen eigenen inneren Dämonen auseinandersetzen.

The Vigil” hatte seine Premiere bereits 2019 auf dem Toronto International Film Festival – der offizielle Filmstart in Deutschland erfolgte jedoch erst  diesen Juli. Und aufgrund der seit Corona dauerhaft leeren Kinosäle dürfte der Film hierzulande vielen immer noch unbekannt sein. Das ist insofern schade, dass The Vigil sich durch ein im Horrorgenre durchaus ungewöhnliches Setting auszeichnet.

Der Film beginnt mit dem Treffen einer Selbsthilfegruppe aus ehemaligen Mitgliedern einer streng religiösen jüdischen Gemeinde. Dort sucht Yakov Ronen (Dave Davis) Unterstützung. Denn die Integration in die Gesellschaft außerhalb seiner früheren Gemeinde fällt ihm schwer. Vieles von dem, was uns selbstverständlich erscheint, war Yakov in seiner Gemeinde untersagt: Ein Internetzugang ebenso wie das Versenden von Textnachrichten. Seine Bewerbungen in New York verfasst er handschriftlich – mit nur mäßigem Erfolg. Er ist arbeitslos und kann in der teuren Ostküstenmetropole kaum seine Miete bezahlen.

Szenenbild aus "The Vigil - die Totenwache": Der Rabbi Reb redet mit dem abtrünnigen Yakov
Der Rabbi Reb Shulem ist besorgt um Yakov: Er bietet seinem früheren Freund Geld, damit dieser eine Totenwache übernimmt. Für den von Geldproblemen geplagten Yakov ein reizvolles Angebot. © Wild Bunch

In dieser Situation kommt es Yakov sehr gelegen, dass sein ehemaliger Rabbi Reb Shulem (Menashe Lustig) ihn einige Hundert Dollar anbietet, damit er die Nacht über die Totenwache für einen Verstorbenen übernimmt. Reb hofft, dass Yakov sich durch die Gebetswache wieder dem Glauben annähert. Doch Yakovs Verhandlungen um die Bezahlung verdeutlichen schnell, dass es ihm vor allem darum geht, das dringend notwendige Geld für seine Miete aufzutreiben. Als der Preis hoch genug ist, willigt er schließlich ein und tritt im Haus der alten Witwe Litvak (Lynn Cohen) die Totenwache an.

Doch schon bald hat Yakov das Gefühl, dass sich noch jemand neben ihm und der Witwe Litvak  in dem unheimlichen Haus herumtreibt. Schließlich eröffnet die Witwe ihm, dass ein Dämon ihren verstorbenen Ehemann heimgesucht hätte und nun in Yakov ein neues Opfer gefunden habe. Dieser Dämon werde Yakov jedoch nicht töten, sondern ihn bis zu seinem Tod mit schrecklichen Visionen plagen, um sich von seinem Leid zu nähren.

Handwerklich solide, aber überraschungsfrei: Die Inszenierung von The Vigil

Was Zeit und Ort betrifft, ähnelt The Vigil fast schon einem Kammerspiel. Vom Auftakt abgesehen spielt fast die gesamte Filmhandlung in einem New Yorker Altbau. Die Geschichte ist auf eine einzelne Nacht beschränkt. Und was die Kameraführung und das Licht betrifft, beweist Keith Thomas schnell, dass er das Einmaleins des Horrorfilms beherrscht. Immer wieder streift die Kamera über den bedeckten Leichnam des Verstorbenen Mister Litvaks. Und wenn plötzliche Kamerabewegungen der Blickrichtung des zunehmend unruhig werdenden Yakov folgen, kann man sich im Halbdunkel des Hauses nie sicher sein, ob nicht in einem schattigen Winkel des Hauses doch eine Bedrohung lauert.

In wieder anderen Situationen sieht der Zuschauer mehr als Yakov selbst: Die hinter ihm stehenden Möbel sowie alte Fotos und Gemälde, die so wirken, als könne ihnen jederzeit eine dämonische Präsenz entspringen. Und unterschwellig nagen die dumpfen Dark-Ambient-Klänge des Komponisten Michael Yezerski an den Nerven, dessen Score eine stetige Atmosphäre des Unwohlseins schafft.

Szene aus "The Vigil": Yakov sitzt im halbdunklen Raum im Sessel.
Bei so viel Schatten kann der Schrecken überall lauern: Kameraführung und Bildkomposition in The Vigil” sind wirkungsvoll, kleben aber oft zu starr an sattsam bekannten Horrorkonventionen. © Wild Bunch

Das alles ist durchaus effektiv und sorgt für eine stimmungsvolle Gruselatmosphäre, doch einen Innovationspreis gewinnt The Vigil mit seiner Inszenierung nicht. Man muss dem Film zugute halten, dass er seine Jumpscares zumindest inszenatorisch vorbereitet, statt auf komplett handlungsirrelevante Lärmschocks zu setzen (die berühmte auf den Mülleimer springende Katze). Jumpscares nutzt der Film aber letztlich doch und folgt dabei handwerklich solide, aber weitestgehend überraschungsfrei den üblichen Horrorkonventionen:

Über Kamerfahrten wird ein Gefühl der Bedrohung erzeugt, der Score verstärkt dieses Gefühl des Bedrohlichen, steigert sich allmählich … und dann kommt eben der Jumpscare. Wirklich verstörende Bilder oder eine emotionale Wucht, weil man mit den Charakteren mitfiebert, bietet der Film hingegen kaum. So gruselt man sich durchaus während des Films, aber The Vigil bietet wenig, was einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Die Charakterdarstellung: Überzeugende One-Man-Show, der etwas Vertiefung gut getan hätte

Ein großer Schwachpunkt vieler Low-Budget-Horrorfilme – und dazu muss man die Blumhouse-Produktion The Vigil trotz der soliden Inszenierung letztlich auch zählen – ist die schauspielerische Qualität ihrer Darsteller. Und was das betrifft, hebt sich The Vigil wohltuend von seinen Genrekollegen ab. Dave Davis, der fast den gesamten Film alleine trägt, kann ohne Zweifel schauspielern: Seine emotionalen Reaktionen wirken glaubwürdig. Die anderen Darsteller bleiben größtenteils Randfiguren, aber bei den meisten von ihnen ist das angesichts der kammerspielartigen Struktur von The Vigil kaum störend. Ihnen zu viel Raum zuzugestehen, hätte den Film unnötig in die Länge gezogen.

Doch zumindest einer Nebenfigur hätte man meiner Meinung nach etwas mehr Tiefe verleihen sollen: der alten Witwe Litvak, und damit der Person, die gemeinsam mit Yakov die Nacht in dem unheimlichen Altbau verbringt. Doch die Charakterzeichnung der Witwe beschränkt sich größtenteils auf das Klischee der verwirrten, unheimlichen und undurchschaubaren alten Frau. Hier verpasst der Film meiner Meinung nach die Chance, etwas psychologischen Horror in den Film einzuweben. Immerhin lebte diese Frau Jahrzehnte mit einem Mann zusammen, der glaubte, von einem Dämon verfolgt worden zu sein. Dieses Potenzial lässt man allerdings brach liegen.

Witwe Litvak aus dem Film "The Vigil - die Totenwache"
Sie lebte Jahrzehnte mit einem Mann zusammen, der sich von einem Dämon verfolgt glaubte: Die Witwe Litvak. © Wild Bunch

Positiv muss man den Film hingegen anrechnen, dass die Figur des Yakov sich nicht so schicksalsergeben dumm mit seiner Situation abfindet, wie es in vielen Horrorfilmen gang und gäbe ist. Bei The Vigil” muss man Yakov nicht gedanklich zurufen Hau da ab!” oder Ruf jemanden an und bitte um Hilfe!. Er kommt tatsächlich auch selbst auf solche naheliegenden Ideen. Das verstärkt die Immersion, da man tatsächlich das Gefühl hat, hier einem vernunftbegabten Menschen zuzuschauen, der alles versucht, seiner misslichen Lage zu entfliehen.

Für ein echtes Mitfiebern hätte es The Vigil jedoch gutgetan, wenn man den Charakter von Yakov und insbesondere seine Vergangenheit mehr als nur skizzenhaft dargestellt hätte. Der Film schneidet alles Plotrelevante zwar kurz an, aber kaum eine Figur oder Charakterbeziehung wird wirklich vertieft. Das schützt den Film vor unnötigen Längen, aber sorgt andererseits dafür, dass man emotional nur selten gepackt wird.

Als der Film beispielsweise in einer Rückblende den Tod einer Figur zeigt, war es für mich rational nachvollziehbar, dass dies für Yakov ein schwerer Schock gewesen sein muss und auch das Schauspiel hat diesen Eindruck unterstützt. Aber emotional berührt war ich nicht, da die Figuren und ihre Beziehung zueinander lediglich auf ihre plotrelevante Funktion reduziert sind. Und das ist gerade für The Vigil ein schwerwiegendes Versäumnis, da wesentliche Themen des Films das Verharren in Schuldgefühlen sowie Vergehen und Versäumnisse gegenüber anderen Menschen sind. So ist die Grundthematik als Gedankenspiel durchaus interessant, doch mir persönlich waren die blassen Nebenfiguren und Beziehungskonstellationen einfach zu egal, als dass der Film mich emotional erreicht hätte.

Filmszene aus "The Vigil": Yakov mit Kerze.
The Vigil” bietet einige interessante Themen, die jedoch wie die Sets des Films nie vollständig ausgeleuchtet werden. Trotz des vorhandenen Potenzials bleibt es daher bei solider Horror-Hausmannskost. © Wild Bunch

Persönliche Schuld, Holocaust und ein Dämon, der sich von Leid ernährt: Interessante Themen, die nur oberflächlich angeschnitten werden

In einigen der besten Horrorfilmen entsteht der Schrecken nicht allein durch eine übernatürliche Bedrohung oder einen sadistischen Schurken. Die dargestellte Bedrohung verweist immer auch auf eine Angst oder Schuld, die mit unserer Wirklichkeit verknüpft ist. In zahlreichen Gespensterfilmen spiegelt sich die Angst der Menschen vor einem Tod, dem keine Erlösung innewohnt. Im japanischen Horrorkino zeigt sich oft die Sorge um die Zerstörung familiärer Familienstrukturen. Die frühen Vampirerzählungen und neueren Zombiefilme greifen die Angst vor zivilisationsbedrohenden Epidemien auf. Und gerade bei The Vigil bietet sich eine symbolische Deutung des erwähnten Dämons Mazik, dessen Blick stets nach hinten zeigt, geradezu an. Dämonen dieses Namens waren übrigens tatsächlich Bestandteil des jüdischen Volksglaubens, doch dürfte der Film sich ebenso an den jüdischen Totengeistern Dibbuk orientiert haben.

Es gibt sicher einige Zuschauer, denen die dem Film innewohnende Symbolik zu leicht durchschaubar und plakativ ist. Mir persönlich ist ein Horrorfilm wie The Vigil, der sich traut, auf reale Schrecken zu verweisen, aber auch ohne Symbollexikon und Psychologiebuch zu entschlüsseln ist, jedoch allemal lieber als solche Machwerke, deren bis zur Unkenntlichkeit chiffrierte Symbolik so überladen ist, dass sie einer packenden Handlung permanent im Weg steht. (Mein persönliches Negativbeispiel für Filme letztgenannter Art ist übrigens die Neuverfilmung von Suspiria). Insbesondere im Horrorgenre würde ich mir mehr Filme wie The Vigil wünschen, die ernste Themen anpacken, ohne dass der Drehbuchautor oder Regisseur dabei im intellektuellen Selbstbeweihräucherungsrausch vergisst, einen fesselnden Handlungsbogen zu spannen.

In The Vigil” spielt die  Thema der persönlichen Schuld eine zentrale Rolle. Und der Film schafft dabei auch Bezüge zum Holocaust und der NS-Zeit. Die Schwäche des Films liegt aber nicht darin, dass dies für den Zuschauer relativ leicht zu entschlüsseln ist. Sie liegt vielmehr darin, dass das Potenzial dieser Themen nicht voll ausgereizt wird. Die schuldhaften Verstrickungen der Figuren werden nur ganz grob skizziert. Die relevanten Nebenfiguren und letztlich selbst der Protagonist Yakov sind nicht detailliert genug ausgearbeitet, als dass einem ihre Schicksalsschläge wirklich nahegehen. Und das ist schade, denn genau das hätte die Möglichkeit geboten, einen nachhaltigeren Schrecken zu erzeugen, als eine Aneinanderreihung von Jumpscares.

Fazit zu The Vigil – die Totenwache

The Vigil” ist ein ambitionierter Debütfilm, dessen Bezüge zur jüdischen Kultur im Horrorgenre erfrischend unverbraucht sind. Das Konzept des Dämons Mazik ist durchaus interessant und der Film schneidet ernste Themen wie persönliche Schuld und die Gräuel des Holocaust an. Letztlich werden diese bedrückenden Themen jedoch kaum vertieft. Bei der Erzeugung von Schrecken setzt The Vigil vielmehr auf bewährte, schon zig Mal gesehene Horrorschablonen: Unheimliche Kamerafahrten, bedrohliche Klangflächen und Jumpscares.

Das ist technisch überzeugend gemacht und kann während der Spielzeit durchaus fesseln. Da der Film aber die Chance verpasst, die Figuren und ihr persönliches Leid zu vertiefen, bleibt wenig haften. So hat The Vigil eine ungewöhnliche Grundprämisse, verbleibt jedoch bei der Inszenierung und Charakterdarstellung im Konventionellen. Das führt dazu, dass der handwerklich solide Film während des Schauens zwar unterhält, aber nach dem Abspann keinerlei bleibenden Eindruck hinterlässt.

 

 

Bildrechte

Sämtliche Bildrechte an den hier gezeigten Szenenbildern aus The Vigil” liegen bei der Wild Bunch AG.

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