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Zwei Filme, zwei Mörder. Sowohl der Film „Joker" als auch „Taxi Driver" erzählen die Geschichte einer sozialen Isolation. In beiden Filmen versuchen die männlichen Protagonisten, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, die sie ablehnt. Und in beiden Filmen mündet das schließlich in einem blutigen Akt der Zerstörung. Und doch erntet einer dieser Mörder deutlich mehr Mitgefühl als der andere. Der Film Joker fand ein gewaltiges Medienecho: in den Zeitungs-Feuilletons, den Social Media und im Fernsehen. Trotz seines düsteren Themas und der Altersbeschränkung hat der Film über eine Milliarde Dollar eingespielt! Dabei erzählt er eigentlich keine wirklich neue Geschichte: Der Leidensweg eines…
Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Artikel. Ich stimme der These zu, die sich auch schon im wahren Leben bestätigt. So wird die Szene mit dem die Treppe heruntertanzenden Joker gerne und oft für sozial Media nachgespielt offensichtlich ohne sich der Bedeutung der Szene bewusst zu sein während sich wohl kaum jemand einen Irokesen schneidet um wie Travis zu sein. Leider beweisen sie jedoch gerade dadurch keinerlei über das im Film Gezeigte hinausgehende Verständnis und Interesse für Arthur Fleck womit sie ironischerweise den Nebenfiguren in Taxidriver ähnlicher sind als den Nebenfiguren in Joker.
Eine Stärke von Taxi Driver, dessen Themen u. a. Isolation und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sind, sehe ich darin, dass nicht einmal wir als Zuschauer Travis das geben, was ihm fehlt. Wir haben kein Verständnis ("Was der Film zeigt, ist lediglich, wie Travis von seiner angeschmachteten Betsy einen Korb bekommt. Das ist abgesehen vom blutigen Ende das Schlimmste, was Travis im gesamten Film passiert.") und lassen ihn so in seiner Isolation, wir können nicht "connecten" und somit ist er nicht zugehörig. Und gerade das mach ja im Alltag hellhörig und aufmerksam. Wenn Arthur im wahren Leben verprügelt wird, wollen wir eingreifen, wenn er unpassend lacht, haben wir spätestens wenn er uns seine Karte reicht Verständnis. Dafür brauchen wir keinen Film. Wenn wir Travis im wahren Leben begegnen, lehnen wir ihn auch ab, wenn das Date platzt, haben wir Verständnis für die Betsy, und schütteln über Travis den Kopf (Auch wenn Betsy im Nachhinein betrachtet ebenfalls das ein oder andere Kopfschütteln verdient hätte). Aber: Nach Taxi Driver verhalten wir uns vielleicht etwas weiser als Wizard, denn wir können besser verstehen wie Travis an diesen Punkt kommt. Taxi Driver schafft Verständnis wo vorher keines war. Und zwar dadurch, dass wir darüber nachdenken müssen. Das macht es uns leichter bestimmtes Verhalten ins echte Leben zu abstrahieren. Man merkt, das der Drehbuchschreiber in ähnlicher Lage war und somit ein tiefes Verständnis für die Figur des Taxi Drivers hat, während Joker sich seine Geschichte deutlich mehr ausdenkt (und das sogar im Film selbst). Und das macht Taxi Driver (neben anderen Aspekten) wertvoller als Joker.
Auch wenn ich Joker als Film sehr genieße, so hinterlässt der Film keine oder nur wenig Spuren im Alltag und somit über den Film selbst hinaus. Auch kann ich weniger mit ihm arbeiten als mit Taxi Driver da viele Antworten ja bereits im Paket inklusive sind, der Zuschauer wird wenig gefordert. Taxi Driver hat dagegen einfach viel mehr Fleisch am Knochen und gewinnt im Alltag - wie sie bereits schrieben - eine zunehmende Relevanz. Travis Bickle sitzt heute nicht mehr im Käfig Taxi, sieht die Welt verzerrt durch eine verregnete Windschutzscheibe und bringt sich sogar selbst dorthin ("Everytime. Everywhere"). Er isoliert sich durch das Handy und sieht die Welt durch seine Twitter-Filterbubble, everytime, everywhere. Der "Dreck" auf den Straßen mag individuell ein anderer sein, die Isolation von (Teilen der) Gesellschaft und das Ende so dramatisch wohl fast nur im Film vorkommen, im Kleinen ist Taxi Driver jedoch sehr relevant. Vielleicht erkennen wir manchmal sogar einen kleinen Travis in uns selbst, wenn das Handydisplay schwarz wird, wir uns darin spiegeln und uns einmal selbst in die Augen schauen. Und drehen wir den Spiegel dann auch so schnell weg wie Travis oder erinnern wir uns, was ein Taxi Driver uns zu erzählen hat?
Von daher hätte der Artikel aus meiner Sicht gerne noch etwas länger sein dürfen und die Überschrift gerne "Joker und Taxi Driver: Zwei Filme, zwei Mörder. Warum wir mit dem Falschen mitleiden" heißen können.
Vielen Dank für dieses sehr ausführliche Feedback und die Gedankenanregungen. 🙂
Ob Taxi Driver nun letztlich "wertvoller" als Joker ist, mag ich nicht pauschal beurteilen. Zumindest mich hat beim ersten Schauen "Joker" emotional deutlich stärker gepackt als "Taxi Driver". Taxi Driver offenbarte mir hingegen erst im Nachgang beim analytischen Zerlegen seine außergewöhnlichen Qualitäten. Und da die emotionale Wirkung für mich auch zum Qualitätskriterium eines Films gehört, möchte ich da keine Rangfolge festlegen. Aber ja, "Taxi Driver" bietet mehr Stoff zum Nachdenken, liefert seine Botschaften nicht gleich mit und wird - sofern sich das Sozialverhalten der Menschen in den nächsten Jahrzehnten nicht stark ändert - wahrscheinlich auch länger relevant bleiben als "Joker".
Wobei man dies "liefert seine Botschaften gleich mit" beim Joker möglicherweise relativieren muss. Wir beide und viele andere mögen das so empfinden. ^^ Aber angesichts der Tatsache, wie häufig bestimmte "Larger than Life"-Figuren auf ihre "cool" wirkenden Eigenschaften reduziert werden, obwohl sie durchaus ambivalent angelegt sind, kann ich verstehen, dass viele Drehbuchschreiber und Regisseure ihre Botschaft möglichst ungefiltert und geradezu penetrant in ihre Filme packen. Arthur Fleck wird in den Social Media ja häufig als gerechte Rächerfigur der armen Unterdrückten gefeiert. Dabei deutet das letzte Filmdrittel mit seiner Gewalteskalation an, dass er keineswegs nur die Unterdrücker straft - und selbst diese später ja über jedes angemessene Maß hinaus. (wenn ich mich recht erinnere, bringt der Joker gegen Ende auch einfaches Pflegepersonal um). Ähnliche Simplifizierung erfährt längst auch die Figur V aus "V for Vendetta", die sich nicht nur an ihren früheren Peinigern rächt, sondern ebenso eine unschuldige Vertraute foltert, um sie zu einer gewünschten Erkenntnis zu bringen (und V bringt ehemalige Unterdrücker eben auch dann um, wenn sie ihre vergangenen Missetaten seit Jahren bereuen. Ob entsprechende Fans die Jahrzehnte nach der NS-Zeit erfolgte Ermordung ihrer Omas und Opas durch ein NS-Opfer auch so gefeiert hätten, bleibt fraglich :p). Wobei ich diese beiden Figuren ebenfalls sehr mag. Aber angesichts der Tatsache, wie oft sie vom Publikum auf ganz wenige Eigenschaften runtergebrochen werden, scheinen die Botschaften einigen Leuten immer noch nicht direkt genug zu sein. 😉
Aber ja, Taxi Driver fordert den Zuschauer mehr; und ich persönlich mag in den meisten Fällen auch solche Filme lieber, die dem Zuschauer nicht alles auf die Nase binden.
Den Vergleich mit den isolierten Handynutzer finde ich übrigens sehr passend. Von der Mutter missbrauchte, an Psychosen leidende Arthur Flecks laufen uns in der wirklichen Welt wahrscheinlich nur Wenige über den Weg. Außenseiter wie Travis Bickle, die sozial eher ungelenk sind und im Zwiegespräch mit sich selbst (oder inzwischen eben einem virtuellen Gegenüber) insgeheim ihren Hass und Zorn kultivieren, gibt es hingegen millionenfach.
Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass ich mich sehr freue, dass mein Artikel auch trotz seiner Länge den ein oder anderen Leser erfreut. =) Verbales Feedback bekomme ich ja eher selten, sondern ich sehe meist nur die Besucherstatistiken und dass viele Seitenbesucher nach etwa 3 Minuten wieder abspringen. Was entweder bedeutet, dass sie die Artikel nicht zuendelesen oder diese Seite überwiegend von Blitzlesern besucht wird. Da mir letzterer Gedanke besser gefällt, entscheide ich mich vielleicht, den als Wahrheit zu akzeptieren. =D
















