Buchkritik: „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“

Cover von "Das Lamm wird den Löwen verschlingen" von Margaret Killjoy

Die Punkerin Danielle besucht eine abgeschiedene Siedlung in Iowa, in der fern aller staatlichen Reglementierung eine anarchistische Gemeinschaft lebt. Doch sind es nicht ihre politischen Ideale, die Danielle dorthin geführt haben. Vielmehr hofft sie, mehr über den Selbstmord ihres Freundes Clay herauszufinden, der jahrelang an diesem Ort gelebt hat. Doch kaum in der anarchistischen Siedlung angekommen, gerät Danielle in einen Strudel übernatürlicher Ereignisse: Untote Tiere streifen durch den Wald; ein blutroter Hirsch tötet vor ihren Augen einen Menschen und frisst dessen Herz. Und so gibt es für Danielle weitaus mehr aufzuklären, als nur den Selbstmord ihres Freundes. Doch die Zeit ist knapp, denn wer weiß, wann der dämonische Hirsch Uliksi das nächste Opfer sucht?

Ein außergewöhnliches Setting, eine Hardcover-Gestaltung, die Buchliebhabern Freudentränen in die Augen treiben dürfte, und vor allem: Ein Lob von Alan Moore, dem Meistererzähler des amerikanischen Comics. Angesichts dieser Vorzeichen erwartete ich Großes von „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ und fieberte der deutschen Ausgabe gespannt entgegen. Doch soviel kann ich bereits vorwegnehmen: Meine freudigen Erwartungen konnte das Buch nicht erfüllen. In ihrem Kurzroman versucht Autorin Margaret Killjoy den Spagat zwischen packender Horrorerzählung und politischer Parabel. Doch bei einem Umfang von knapp 160 Seiten fehlt es an Raum, beidem gerecht zu werden. Neben deutlichen Stärken enthält die Erzählung zahlreiche Schwächen und wirkt insgesamt unausgegoren. Wie ich zu diesem Urteil komme, erfahrt ihr in den kommenden Abschnitten. Beginnen möchte ich aber zunächst mit den positiven Merkmalen.

 

Deutsche Ausgabe erscheint in edler Hardcover-Version

Das Sprichwort sagt, man solle ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen. Täte man das allerdings, dann hätte diese Veröffentlichung des Festa Verlags einen Platz in den Bestseller-Listen verdient. In seiner Reihe Festa Special publiziert der Verlag kleine Privatausgaben ohne ISBN im schmucken Hardcover mit Leseband. Doch „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ sticht selbst aus dieser liebevoll gestalteten Reihe durch sein auffälliges und stimmungsvolles Cover hervor. Abseits gängiger Horrorkonventionen ist es dem Zeichner Timo Wuerz auch ohne Schädel und schwarzes Farbschema gelungen, eine schaurige Atmosphäre zu erzeugen. Dem Hirsch Uliksi verrleiht er ein Äußeres, das seine Bedrohlichkeit spürbar unterstreicht.

Auch die Übersetzung der amerikanischen Ausgabe „The Lamb will Slaughter the Lion“ durch Simona Turini überzeugt. Der Ton innerhalb der friedfertig wirkenden Gemeinschaft aus Punks und anderen Aussteigern wird gut getroffen, das Lektorat hat saubere Arbeit geleistet. Lediglich an einigen Stellen werden Mobiltelefone als „Telefon“ bezeichnet, obgleich in der deutschen Umgangssprache die Begriffe „Handy“ oder „Smartphone“ üblicher sein dürften. Aber dass diese Kleinigkeit das einzige ist, was ich an der deutschen Ausgabe zu kritisieren habe, verrät schon: Bei der Umsetzung der deutschen Ausgabe hat der Verlag hervorragende Arbeit geleistet.

Cover der deutschen Festa-Ausgabe des Kurzromans "Das Lamm wird den Löwen verschlingen"Cover der amerikansichen Originalausgabe von Margaret Killjoys "Das Lamm wird den Löwen verschlingen"

Was die Gestaltung anbelangt, macht die deutsche Ausgabe deutlich mehr her und passt auch besser zur Exzentrik der Protagonisten als die eher zurückhaltend gestaltete amerikanische Originalausgabe.

Auf seine 160 Seiten kommt „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ allerdings vor allem durch die großzügige Seitengestaltung. Was den bloßen Umfang betrifft, erhält man vergleichsweise wenig Text für sein Geld. Allerdings sollte beim Buchkauf der Inhalt stets wichtiger sein als die bloße Textmenge. (Denn wer will sich künftig schon durch etliche in die Länge gezogene Bücher quälen?) Doch wie gut ist nun der Inhalt, den uns Margaret Killjoy bietet?

 

Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ bietet ein unverbrauchtes Setting und frische Ideen

Eine abgelegene Siedlung in einem Wald, eine verschworene Gemeinschaft und eine neugierige Einzelperson, die von außen in diese Gemeinschaft eindringt: Das ist der Stoff aus dem zahlreiche Horror-Albträume sind! Und diese Bausteine funktionieren zunächst auch bei „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“. Danielle kennt niemanden in der Gegend, ist auf sich allein gestellt und weiß zu Beginn nicht, wem in der kleinen Stadt sie trauen kann. Als dann sehr früh im Roman die übernatürlichen Ereignisse über die Punkerin hereinbrechen, fühlt der Leser sich wie sie mitten in eine gefährliche Situation hineingezogen, in der man nicht genau weiß, von wem überhaupt Hilfe zu erwarten ist.

Dies Setting ist im Horror-Genre ebenso bewährt wie bekannt. Margaret Killjoy variiert es aber auf interessante Weise. Denn die abgelegene Kleinstadt mitten im Nirgendwo wird nicht von konservativen Hillbillys bewohnt, die heimlich dem Kannibalismus frönen. Vielmehr stößt Danielle auf eine weltoffene Gemeinschaft aus Anarchisten, die die Kleinstadt für sich in Beschlag genommen und auf den Namen „Freedom“ getauft haben. Unterschlupf findet sie in einem besetzten Haus, in dem überwiegend Mitglieder der LGBT-Community leben. Zwar sind einige Bewohner ihr gegenüber misstrauisch, doch statt Drohungen erwartet Danielle dort ein gemeinsamer Kochabend.

Die Nebenfiguren wirken teilweise holzschnittartig, aber durchaus sympathisch. Und das Setting, das Maraget Killjoy beschreibt, hebt sich angenehm von üblichen Horrorschauplätzen ab. Dass die Autorin selbst Transfrau ist und als Anarchistin lange auf der Straße gelebt hat, war ihr bei der Beschreibung der Stadt und ihrer Bewohner sicherlich hilfreich. Was das Zusammenleben betrifft, wird Freedom ausführlich beschrieben. Man erfährt Details über die Stromerzeugung und kann miterleben, wie in Freedom Entscheidungen diskutiert werden: In einer moderierten Versammlung, bei der Bewohner unterschiedlicher Meinung ihre Argumente darlegen. Überschuss, der produziert wird, stellen die Bewohner kostenlos in einem offenen Laden zur Verfügung. Freedom ist eine Art idealtypisches Modell, wie gelebter Anarchismus tatsächlich aussehen könnte.

 

Antiklimatische Handlung: Die Gesellschaftsparabel gräbt dem Horror das Wasser ab

Dass „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ ein eher kurzer Roman ist, hatte ich bereits angesprochen. Das wäre prinzipiell kein Problem, denn aufgrund des klar abgesteckten Handlungsortes könnte man die Geschichte problemlos als finsteres, schnell erzähltes Horrormärchen aufziehen. Zu Beginn der Geschichte funktioniert das auch hervorragend, denn der düstere Wald und der unheimliche Hirsch, der dem Leser ja schon auf dem Cover entgegenblickt, ziehen einen direkt in eine bedrohliche Atmosphäre hinein. Unmittelbar nach Uliksis erstem Auftritt könnte man „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ als nervenaufreibende Überlebensgeschichte erzählen, in der Danielle und die Anarchisten sich gegen die übernatürliche Bedrohung behaupten müssen.

Die Autorin versteht ihre Geschichte aber auch als eine Art Parabel für den Konflikt zwischen anarchistischen Ideen und Herrschaftsstreben. Das ist ein durchaus interessantes Konzept, doch um gesellschaftliche Phänomene darzustellen, muss man eben die menschlichen Protagonisten und ihr Miteinander genauer beleuchten. Das passiert teilweise auch, doch drosselt es deutlich das Tempo der Geschichte.

Letztlich bleibt aber auch die gesellschaftliche Parabel eher oberflächlich. Insbesondere, da man die Geschichte gemeinsam mit der Ich-Erzählerin erlebt, was verschiedene Sichtweisen nahezu ausschließt. Und trotz des begrenzten Platzes schickt die Autorin ihre Protagonistin dann noch auf eine Schnitzeljagd mit unnötig verkomplizierten Hinweisen, um das Rätsel des Hirsches zu lösen. Für das Finale sind schließlich kaum noch Seiten übrig und so wird es letztlich relativ schnell und weitestgehend unspektakulär abgehandelt. Bis dahin wurde der unheimliche Hirsch Uliksi längst von einer dämonischen Bedrohung zu einem recht beliebig interpretierbaren Sinnbild degradiert. Er knüpft nicht länger an Urängste an, sondern wird zur Projektionsfläche für die Deutungen der Autorin bzw. der Romanfiguren. Richtigen Horror erzeugt das dann aber nicht mehr.

 

Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: Einseitige Charakterdarstellung torpediert positive Kernbotschaft des Romans

„Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ enthält zahlreiche moralische Botschaften, denen ich nur zustimmen kann. Die im Roman vermittelten Kernbotschaften zur Durchsetzung politischer Ziele sind absolut nachvollziehbar. Es gibt nur ein Problem: Charakterdarstellung und Rahmenhandlung tragen diese Botschaften nicht.

Es ist schwer, zu verdeutlichen, was ich meine, ohne den gesamten Roman zu spoilern. Daher nutze ich zur Veranschaulichung einen Vergleich: Wenn in einem Action-Film die Kamera ständig am Hauptcharakter klebt, dieser zu heroischer Musik die als verblendet dargestellten Gegnerscharen wegballert, um am Filmende in die Kamera zu rufen „Krieg ist keine Lösung und für beide Seiten ein Grauen!, dann passen angebliche Botschaft und vorherige Darstellung nicht zusammen!

Und meiner persönlichen Meinung nach klebt Margaret Killjoy zu sehr an jenen Figuren, die ihre eigene Überzeugungen teilen. Zwar wird im Romanverlauf deutlich, dass in Freedom doch nicht alle Menschen unfehlbare Idealisten sind, aber die Sympathiebekundungen bleiben klar verteilt. Mehrere Figuren haben große Fehler gemacht, es gibt verschworene Gemeinschaften, Verbrechen wurden begangen, dämonische Kräfte missbraucht. Aber die Hauptfigur Danielle positioniert sich loyal und eindeutig für eine bestimmte Gruppe (Nochmal zur Erinnerung: Sie kennt das gesamte Dorf erst wenige Stunden bis Tage!). Da nur aus ihrer Sicht erzählt wird, führt dies dazu, dass nahezu identisches Fehlverhalten vollkommen unterschiedlich bewertet wird. Wichtig ist weniger die Tat an sich, sondern wer sie ausführt. Der eine Mörder ist ein Arschloch, dem anderen wird schon Sekunden nach seinem Geständnis verziehen und dann liebevoll sein freundlich-warmes Lächeln bemerkt.

Damit man mich nicht missversteht: Keine Missetat wird in dem Roman auf logisch-rationaler Ebene gerechtfertigt. Aber dennoch werden im Roman Verschwörungen, Gewalt und Verbrechen weitaus schneller verziehen, wenn man sie mit der richtigen Gesinnung begangen hat. Zudem kommt in der zweiten Romanhälfte auch niemand mehr zu Wort, der die Beurteilung durch Danielle und ihre Gefährten infragestellen könnte. Und beim Lesen haben sich zumindest mir die Fußnägel aufgerollt, was dort zum Teil als „unschuldig” oder „Selbstverteidigungdargestellt wurde – und weit und breit war keine Romanfigur in Sicht, die meine Bedenken geteilt hat.

So ist Margaret Killjoys Mahnung, nicht denselben Handlungsmuster zu verfallen wie die Herrschenden, zwar löblich, wird aber durch eine zu klare Gut-Böse-Einteilung untergraben. Und warum Danielle eigentlich so loyal zu einigen der Anwohner steht, muss sich der Leser selbst zusammenreimen. Zum Bindungsaufbau blieben ihr schließlich nur wenige Tage Zeit. Nimmt man beispielsweise Shirley Jacksons Wir haben schon immer im Schloss gelebt als direkten Vergleich, so hat man dort auch eine loyale Gemeinschaft im Konflikt zur Mehrheitsgesellschaft, die treu füreinander einsteht, obwohl die einzelnen Gemeinschaftsmitglieder teilweise Fehlverhalten zeigen. Aber dort sind die Protagonisten miteinander verwandt und kennen sich schon seit Jahren. In „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ riskiert Danielle ihr Leben hingegen für völlig Fremde. Und das lediglich aus Neugier. Das sich hier Haltung und Sympathie der Autorin in ihrer Hauptfigur widerspiegeln, obwohl die Figur selbst allen Grund zum Misstrauen hätte, ist also nicht unwahrscheinlich.

Fazit zu „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“

Margaret Killjoys „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“ ist sowohl Horrorgeschichte als auch Gesellschaftsparabel. Die deutsche Ausgabe ist eine Augenweide, das Setting einer anarchistisch geprägten Kleinstadt neu und unverbraucht. Aber letztlich kann der Roman auf keinem der beiden Felder vollends überzeugen. Für eine Gesellschaftsparabel ist die Erzählung zu kurz, für die Vertiefung der Figuren bleibt zu wenig Platz. Zudem mangelt es an Multiperspektivität: Das gesamte Geschichte wird aus Sicht der Ich-Erzählerin geschildert, deren Urteile zum Ende nicht mehr hinterfragt werden. Das führt zu einem simplen Schwarz-Weiss-Schema, das der deutlich formulierten Kernbotschaft des Romans zuwiderläuft.

Was den Horror-Faktor betrifft, fängt die Geschichte stark an, plätschert dann aber vor sich hin. Die Spurenjagd um das Geheimnis des dämonisches Hirsches bringt Handlung und Protagonisten kaum voran. Oft wirkt es so, als solle sie lediglich dem Leser Informationen liefern. Für das Finale bleiben schließlich nur wenige Seiten. Rechnet man zum Auftakt noch mit nervenaufreibendem übernatürlichen Horror, erhält man stattdessen gegen Ende ein verkopftes, doch nichtmal widerspruchsfreies Gedankenexperiment. Schade, denn die Figur des Hirsches Uliksi hätte durchaus Potenzial für mehr gehabt!

 

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Titel:Das Lamm wird den Löwen verschlingen
Originaltitel: The Lamb will Slaughter the Lion
Autorin: Margaret Killjoy
Übersetzerin: Simona Turini
Verlag: Festa Verlag
ISBN: ohne ISBN
Format: Gebunden
Seitenanzahl: 160 Seiten
Erschienen: September 2020 | Erstveröffentlichung: 2017

1 Gedanke zu “Buchkritik: „Das Lamm wird den Löwen verschlingen“

  1. Schade, das Setting klingt vielversprechend und allein das Cover hätte mich wohl zum Kauf verleiten können. Da ist es schon sehr bedauerlich, dass aus dem interessanten Ansatz dann so wenig herausgeholt würde.

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