Kuchisake-onna aus dem Film "Carved: The slit mouthed woman", eine blutige Schwere vor ihr geisterhaftes Gesicht haltend.

Filmkritik zu „Carved: The Slit-Mouthed Woman“ (2007)

Eine Frau in Trenchcoat mit weißer Mundschutzmaske, eine Schere so lang wie ein Unterarm und die Frage: „Bin ich schön?“ Das sind die Merkmale von Kuchisake-onna, einer japanischen Schauerfigur, die Kinder verstümmelt oder tötet. Regisseur Kōji Shiraishi greift diese Legende auf und verknüpft sie mit einem realen Grauen: der Gewalt von Müttern gegen ihre Kinder. Die Idee ist gut und könnte das Fundament für einen verstörenden Horrorfilm sein. Doch leider nutzt „Carved: The Slit-Mouthed Woman“ diese solide Basis nicht, denn Dialog, Schauspiel und Inszenierung reißen einen ständig aus dem Film heraus, statt in eine spannende Handlung hineinzuziehen.

Ende der 1970er-Jahre kursierten in Japan zahlreiche Gerüchte über eine hochgewachsene Frau mit Mundschutz, die Kindern auflauert und ihnen folgende Frage stellt: „Bin ich schön?“ Wer die Frage verneint, wird von ihr getötet. Wird die Frage bejaht, nimmt die Frau die Maske ab und offenbart das blutige Lächeln eines von einem zum anderen Ohr aufgeschnittenen Mundes. Dann folgt die Frage: „Auch so?“ – ein Nein führt weiterhin zum Tod. Bei einem Ja schneidet die Frau dem Opfer ein Lächeln ins Gesicht, damit es ebenso schön wird wie sie. Die Frau nannte man Kuchisake-onna (Schlitzmundfrau) und Zeitungsberichte über sie lösten 1979 in Japan eine regelrechte Hysterie aus. An vielen Schulen durften Kinder nur noch in Begleitung den Heimweg auf sich nehmen und in Fukushima und Kanagawa verstärkte man die Polizeikontrollen.

Kōji Shiraishi greift in „Carved: The Slit-Mouthed Woman“ genau diese Gerüchte auf. Der Film kam 2007 in die Kinos, also nur wenige Jahre nachdem der japanische Geisterhorror mit Filmen wie Ringu (1998), Ju-on: The Grudge (2002) und Dark Water (2002) seinen Höhepunkt erreicht und durch amerikanische Remakes auch internationale Aufmerksamkeit erlangt hatte. Aber wer nach dieser Welle an langhaarigen Rachegeistern noch erschrecken wollte, musste etwas Neues bieten. Shiraishi versuchte es, indem er das Grauen auch bei Tageslicht zuschlagen lässt und den Geisterfilm mit Slasher-Elementen und Familiendrama kombiniert.

Ein Erdbeben, Entführungen und eine überforderte Lehrerin

Der Film beginnt mit einem Reigen von Stimmen: Kinder, Eltern und Lehrer erzählen einander die Legende von Kuchisake-onna. Dann bebt die Erde. In der nächsten Szene verstecken sich drei Jungen in einem Park und hoffen, die Schlitzmundfrau zu Gesicht zu bekommen. Eine Frau mit weißem Mundschutz und einer gefährlich scharfen Schere erscheint hinter ihnen und entführt einen der Jungen. Behörden und Schule ermahnen die Kinder am nächsten Tag, nur noch in Gruppen nach Hause zu gehen.

In einer Grundschule im Nachbarort wird die kleine Mika Sasaki (Rie Kuwana) von ihren Mitschülern gehänselt, weil auch sie einen Mundschutz trägt. Was niemand weiß: Darunter verbirgt sie die Blutergüsse, die ihr die eigene Mutter (Chiharu Kawai) zugefügt hat. Ihre Lehrerin Kyōko Yamashita (Eriko Sato) sieht die Verletzungen. Als Mika ihr daraufhin gesteht, dass sie ihre Mutter hasst, reagiert Kyōko allerdings nicht verständnisvoll, sondern schockiert, denn sie hat selbst eine Tochter, die keinen Kontakt mehr zu ihr wünscht.

Nachdem kurz darauf auch Mika von der mysteriösen Maskenfrau entführt wurde, schließt sich Kyōko mit ihrem Kollegen Noboru Matsuzaki (Haruhiko Kato) zusammen, um auf eigene Faust zu ermitteln und die entführten Kinder wiederzufinden. Ihr Vorteil: Noboru scheint eine besondere Verbindung zu der Entführerin zu haben, denn jedes Mal, wenn ein Kind verschwindet, höre er eine geisterhafte Stimme fragen: „Bin ich schön?“

Die Schülerin Mika und Lehrerin Kyoko unterhalten sich, eine Szene aus dem Film "Carved: The slit mouthed woman".
Lehrerin Kyōko reagiert wenig verständnisvoll auf den Mutterhass der misshandelten Mika, denn er erinnert sie an die Ablehnung durch ihre eigene Tochter. © Tornado Film

Carved: The Slit-Mouthed Woman zeigt das Grauen in der Familie

Was an dem Film überzeugt, ist die Verknüpfung und Gegenüberstellung von geisterhafter und familiärer Gewalt: Kyōko, die Protagonistin, hat selbst ihre Tochter geschlagen. Auch die entführte Mika wurde von ihrer Mutter geschlagen. Darin liegt das eigentliche Grauen des Films: Die Bedrohung entstammt nicht nur der Geisterwelt, sie sitzt mit am Küchentisch. Es gibt eine Szene, in der eine Mutter auf ihre Kinder einprügelt, die beklemmender ist als jede blutige Scherenattacke.

Misshandelter Junge mit zwei blaugeschlagenen Augen aus dem Film "Carved: The slit-mouthed woman".
Zur Stärke findet der Film bei der Darstellung häuslicher Gewalt. Sobald jedoch zuviel gesprochen wird, kippt die Qualität. © Tornado Film

Filmhistorisch ist das insofern interessant, dass „Carved“ damit – auch wenn der Film selbst kein Rachemotiv enthält – eine Tradition vieler Filme um japanische Rachegeister aufgreift: Die übernatürliche Gewalt wurzelt in einer dysfunktionalen Familie.

Diese Ergänzung der ursprünglichen Urban Legend überzeugt durchaus. Für den eigentlichen Kern der Legende um Kuchisake-onna scheint sich Shiraishi allerdings kaum zu interessieren. Die Frage „Bin ich schön?“ taucht als Verweis zwar immer wieder auf, aber bleibt im Film vollkommen bezugslos.

In den tatsächlichen Gerüchten der 70er-Jahre war sie Element zahlreicher Spekulationen. Einige Erzählungen skizzierten Kuchisake-onna als eitle Frau, bei der eine missglückte Schönheits-Operation zur Entstellung führte. In anderen fürchtete ein eifersüchtiger Ehemann, dass sie ihn aufgrund ihrer Schönheit betrügen würde und zerschnitt ihr das Gesicht.

„Carved: The Slit-Mouthed Woman“ greift die Frage zwar auf, aber macht nichts daraus. Die Frage wird weder beantwortet noch erklärt. Und gerade weil sie im Film so häufig wiederholt wird, fällt dies negativ auf.

Der wahre Horror: Die Dialoge in Carved

"Show, don't tell" auf Holzblöcken geschrieben.
„Carved“ ignoriert eine Grundregel des Drehbuchschreibens: Nahezu alles wird dem Zuschauer über Dialoge erklärt, kaum etwas muss er sich aus der Handlung erschließen.

Während die Grundidee von „Carved“ durchaus brauchbar ist, enttäuscht er auf fast allen anderen Ebenen. Das gilt insbesondere für alle Dialoge des Films: Die Gespräche wirken seltsam unnatürlich, weil sie nicht normalen Gesprächen nachempfunden sind, sondern vor allem Informationen übermitteln sollen. Hintergründe, Zusammenhänge und Motive werden in kompakten Erklärblöcken abgeladen, als müsse jemand sicherstellen, dass auch der dümmste Zuschauer alles versteht.

In der Eröffnungsmontage, in der die Legende weitererzählt wird, funktioniert das noch hervorragend. Denn hier ist die Exposition glaubhafter Teil der Geschichte, da urbane Legenden davon leben, dass Menschen sie weitererzählen. Der Film nutzt aber auch später Dialog hauptsächlich als Informationsinstrument. So entwickeln einige Menschen, wenn sie allein sind, plötzlich die Neigung zu Selbstgesprächen, um dem Zuschauer die Handlung zu erklären.

Die absolute Zuspitzung schlechten Dialogs bietet aber das ermittelnde Lehrerteam aus Kyōko und Noboru. Wobei wir hier beim Grundproblem sind, denn eigentlich gibt es keine echte Ermittlung. Das langsame Aufdecken von Hinweisen durch eigene Bemühungen entfällt fast vollständig. Stattdessen erinnert sich Noboru von Szene zu Szene an immer weitere Details zur Entführerin und teilt diese dann Kyōko mit. So erfährt man viel, aber man erlebt nichts. Die Dialoge lassen einen nicht mitfiebern, sondern haben den Charakter von Statusberichten und Questgebern, die einen zum nächsten Handlungsort führen.

Kleine Mängel summieren sich und sorgen für Distanz

Die Dialoge tragen wenig dazu bei, dass man in die Handlung hineingezogen wird. Gute Schauspieler könnten diese Schwäche ausgleichen, doch leider ist auch das Schauspiel in „Carved“ eher hölzern. Die meisten Darsteller wirken steif in der Körpersprache, ihre Mimik arm an Zwischentönen. Dies dürfte auch mit den Produktionsbedingungen zusammenhängen, denn aufgrund des geringen Budgets war kaum Zeit für längere Proben oder die Wiederholungen missglückter Szenen.

Die deutsche Synchronfassung verstärkt diesen negativen Effekt. Oft treffen die Stimmen den Ton der Szene nicht, Betonungen wirken abgelesen und in emotionalen Momenten zu unterkühlt, der Sprachduktus ist seltsam abgehackt. Das ist gerade für einen Horrorfilm, dessen Hauptmotiv das soziale Miteinander in Familien betrifft, pures Gift. In der Summe ergibt sich daraus das Kernproblem des Films: unnatürlich klingende Dialoge, durchwachsenes Schauspiel und emotionslose Synchronisation – all das verhindert ein Eintauchen in die Handlung und sorgt für Distanz.

Hinzu kommt, dass sich die Low-Budget-Produktion auch in der Bildqualität widerspiegelt. Schon im Original waren die Farben blass, das Bild oft unscharf. Die meisten neueren Fassungen wurden nicht für HD restauriert, sondern einfach hochskaliert. So hat der Film den billigen Look älterer Videoproduktionen, obwohl er tatsächlich neuer ist als „The Ring“ oder „The Grudge“. Etwas, das man dem Film nie ansieht.

„Bin ich schön?“ – eine Frage, die im Film niemanden interessiert

Filmszene aus "Carved: The slit mouthed woman", in der die namensgebende Frau ein Kind mit einer langen Schere bedroht.
Kuchisake-onna bedroht eines der entführten Kinder. © Tornado Film

Was man dem Film anrechnen muss, ist, dass er das Grauen auch unerwartet bei Tageslicht zuschlagen lässt. Die Schlitzmundfrau erscheint nicht nur nachts und im Dämmerlicht, sondern passt die Schulkinder genau dann ab, wenn sie auf dem Nachhauseweg sind – also am Nachmittag. Das entspricht auch der eigentlichen Legende. Allerdings verschenkt „Carved“ ein wesentliches Spannungselement der Vorlage.

Das Frageritual trägt in der Originallegende wesentlich zur Spannung bei: Kann man die Figur beschwichtigen, indem man die richtige Antwort auf die Frage „Bin ich schön“ gibt? Was passiert, wenn man die falsch antwortet? Im Film hat die Frage keine Funktion mehr:

Nichtmal die fragende Kuchisake-onna wartet die Antwort ab, bevor sie die Kinder entführt. Auch die Entblößung ihres Gesichts hinterlässt kaum Eindruck, da Schönheit und Entstellung im Film keine tiefere Bedeutung haben. Das verstümmelte Gesicht bleibt bloßer Schockeffekt, der nicht nachhallt.

Inszenatorisch verlaufen die Konfrontationen mit Kuchisake darüber hinaus zu oft demselben Muster: Sie erscheint, die Opfer erstarren, sie zieht mit ihrer Beute ab. Bei der Eröffnungsszene, bei der nur Kinder Zeugen sind, mag das noch glaubhaft sein. Doch auch bei Mikas Entführung sitzt die erwachsene Kyōko wie gelähmt da, während die Entführerin ungehindert mit dem Kind davongeht. In späteren Szenen kommt es durchaus zu Widerstand, doch es ist auffallend, dass dieser keiner inneren Figurenlogik folgt, sondern der gewünschten Handlung untergeordnet ist. Oder anders gesagt: Eine Figur, die ein paar Szenen zuvor energisch gegen die Kuchisake-onna gekämpft hat, kann später regungslos zuschauen, wie ein Opfer verstümmelt wird, wenn der Film eben will, dass es jetzt ein Opfer gibt. Und leider sind die Auseinandersetzungen mit der Entführerin, trotz einzelner blutiger Szenen, meist so undynamisch inszeniert, dass die Figur viel von ihrem Schrecken verliert.

Fazit zu „Carved: The Slit-Mouthed Woman“

„Carved: The Slit-Mouthed Woman“ bringt nahezu alles mit, was ein starker Horrorfilm braucht: eine ikonische Schreckgestalt, Anknüpfung an reale Erlebnisse und die Andeutung eines familiären Grauens, dem man auch in der wirklichen Welt begegnen kann. Auch Shiraishis Mut, das Grauen ins Tageslicht zu holen, verdient Anerkennung. Doch der Film nutzt diese guten Voraussetzungen nicht: Die Dialoge wirken amateurhaft und dienen oft nur der Exposition, die Schauspieler agieren hölzern und die schwache deutsche Synchronisation hält den Zuschauer auf Distanz. Und das erzählerische Potenzial der Kuchisake-onna bleibt komplett ungenutzt, denn ihre Frage interessiert niemanden – weder den Regisseur noch die Fragende selbst. Und so bleibt es an mir, die Frage zu beantworten. Und die abschließende Antwort lautet: „Carved: The Slit-Mouthed Woman“ ist kein schöner Film.

 

Box Filminfos zu „Carved: The Slit-Mouthed Woman“

Kinopremiere: 2007 (Japan) | Regie: Kōji Shiraishi | Drehbuch: Kōji Shiraishi & Naoyuki Yokota | Musik: Chika Fujino & Gen Wano

Besetzung:
  • Eriko Sato als Kyōko Yamashita
  • Haruhiko Kato als Noboru Matsuzaki
  • Miki Mizuno als Kuchisake-onna
  • Rie Kuwana als Mika Sasaki
  • Chiharu Kawai als Mayumi Sasaki
  • Sakina Kuwae als Natsuki Tamura
  • Kazuyuki Matsuzawa als Hideo Tamura
  • Kaori Sakagami als Saori Tamura

Bildrechte:

  • Die Bildrechte zu „Carved: The Slit-Mouthed Woman“ liegen bei © Tornado Film.
  • Bild des Spruches „Show, don’t tell“ von fermate auf depositphotos.
Blogger und hauptsächlich Verantwortlicher der Website marius-tahira.de, auf der er sich den Genres Horror, Dystopie und Thriller widmet. Nach einer Verlagsausbildung und seinem Germanistikstudium war er lange Zeit im Lektorat tätig und arbeitet nun im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

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